Sommer auf der Alp Oberfeld

Kategorien Menschen, Nidwalden, Tiere, Tradition

Oder: die Ziegen sind zurück. Bereits im Juni war ich mit den rund 66 Pfauenziegen in der Region Bannalp unterwegs und begleitete die Familie Waser bei ihrem Alpaufzug auf die Alp Oberfeld. Dieses Mal habe ich die Höhenmeter ohne Bergziegen im Schlepptau auf mich genommen und die Familie während ihrem Alpsommer besucht.

Wanderung auf dem Walenpfad

Die Alp Oberfeld liegt am idyllischen Walenpfad und kann entweder von Engelberg (OW) oder von Oberrickenbach (NW) aus bewandert werden. Der Walenpfad gleicht einem reichgefüllten Mezze-Teller: Saftige Wiesen, schroffe Felsflanken, tiefblaue Bergseen und ein atemberaubendes Bergpanorama über die Voralpen. Die Vielfalt an Genusshäppchen ist riesig. Nun verstehe ich auch, warum der Walenpfad zu den schönsten Höhenwanderungen der Schweiz gehört.

Der ganze Wanderbericht über den Walenpfad kann hier nachgelesen werden.

Alpkäse – der Geschmack der Alp auf der Zunge

Das Glockengebimmel um 05:30 Uhr in der Früh ist ohrenbetäubend. Im frühen Morgengrauen melkt Sepp Waser, zusammen mit der Sommeraushilfe Lisa, die 66 Pfauenziegen und drei Milchkühe. Rund 120 Liter Milch geben die wanderfreudigen Genossen pro Tag. Jeden Tag steht Rita Waser am Kupferkessi um die Rohmilch über dem offenen Feuer zu verkäsen. Woher der unvergleichliche Geschmack des Alpkäses herkommt? «Jeder Alpkäse schmeckt nach der Alp auf welcher er entstanden ist. Nach den frischen Kräutern, Blumen und Gräsern, welche die Ziegen auf ihrer Wanderschaft gefressen haben. Dieser Geschmack ist einzigartig»,

Eine Wissenschaft für sich

Ganze 15kg Alpkäse produziert die Alp Oberfeld täglich. «Ich biete den Leuten gerne eine Auswahl an: Reinen Ziegenkäse, gemischten Käse mit und ohne Schnittlauch, sowie in Öl eingelegte Schnittlauch-Frischkäsli», erzählt mir Rita Waser, während sie vorsichtig die Käseharfe durch die geronnene Milch zieht. Damit zerteilt sie die Gallerte zum Käsebruch, welcher entscheidend ist für die Käsesorte. Je kleiner die Stücke, desto härter der Käse. «Timing ist hier alles», betont die Sennerin und kontrolliert den Timer auf ihrem Handy. Die Bruchmasse wird gerührt und auf eine exakt vorgegebene Temperatur erwärmt. Durch die Erwärmung trennt sich die Molke vom Rest. Auch hier ist Präzision gefragt. Je höher die Temperatur, desto härter der Käse. Zum Abschluss wird der Käse in Formen abgefüllt, gepresst und anschliessend im Salzbad ruhen gelassen. Bevor ich den Käse kosten kann, müssen aber mindestens noch 5 Wochen vergehen.

Wer den Alpkäse der Alp Oberfeld probieren möchte, aber nicht durch die Nidwaldner Berge kraxeln will, besucht den Stand der Familie Waser am Reutenmarkt in Zofingen (20. Oktober) oder am Alpkäsemarkt in Beckenried (16. & 17. November).

Eine Oase zwischen Alpenkräutern und steilen Felswänden

Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan. Am Nachmittag steht Rita im Käsekeller, schmiert und kehrt die goldschimmernden Laibe während ihrer Reifung. Gleichzeitig trudeln in der Alpwirtschaft Wanderer ein. Müde und glustig nach einer Spezialität von der Alp Oberfeld nehmen sie unter einem schattenspendendem Sonnenschirm Platz. Das «Zabig Plättli» mit hausgemachtem Trockenfleisch und Käse, der «Coupe Walenstock» (Meringue mit Nidlä) oder das «Heuburdi-Kafi», mit viel Liebe im Heunästli angerichtet, sind der Renner auf der überschaubaren Speisekarte.

Neben dem Haus spaltet Sepp gerade Holz. Auch er ist den ganzen Tag mit Arbeit ausgelastet: Morgens die Ziegen auf ihre Weide führen, Holz aufbereiten, fräsen, Maschinen warten, Zäune reparieren, heuen, sowie zweimal täglich melken. In einer ruhigen Minute erhasche ich ihn auf dem Aussichts-Bänkli ausruhen. Mit Border Collie Jeff auf seinem Schoss und einer Tasse Instantkaffee.

Eine Kaffeemaschine sucht man hier oben auch vergebens. Ganz zur Verwunderung einiger Wanderer. Es käme immer wieder vor, dass Gäste bereits vom Eingangszaun aus keuchend einen Latte Macchiato bestellen, erzählt mir Rita lachend. Auch bergfremde Turnschuh-SpezialistInnen trifft sie fast täglich an und muss bei diesem Gedanken gleich noch mehr lachen.

Auf Wanderschaft

Doch wo sind all die Ziegen hin? «Die befinden sich gerade auf Wanderschaft » erklärt mir Rita. Auf der Suche nach den saftigsten Kräuter und Blumen hüpfen sie irgendwo in der Region umher. Ziegen sind sehr heikel. Gefällt ihnen ein Grasbüschel nicht, dann wird einfach das nächste Büschel anvisiert. Ganze 1.5 Stunden suchen wir nach der Herde, folgen dem Klang der Glöckchen. Doch wir bleiben erfolglos und stapfen zurück zur Alp. Zum Glück gehen die Gitzi nicht mit auf Wanderschaft und somit beobachten wir die jungen Energiebündel beim herumtollen.

Gegen 17:00 Uhr schallt das Glockengebimmel immer lauter zur Alp hinüber. Die Ziegen kehren heim. Während sie in der ersten Hälfte des Alpsommers noch von selber nach Hause kommen (volle Euter die drücken und gemelkt werden wollen) müssen sie in der zweiten Hälfte von Sepp und dem Border Collie Jens zurückgeholt werden. (Verständlich. Schliesslich sind die üppigen Alpwiesen ein wahres Ziegen-Schlaraffenland. Fast wie ich im Alnatura Shop. Da will man nicht mehr heim).

Der Tag endet im orange-violetten Gewand

Nach dem Abendessen folgt das Highlight meines Aufenthaltes auf der Alp Oberfeld. Die Sonne besprenkelt die Spitzen der umliegenden Berggipfel in sattem Orange, sanftem Rot und lieblichem Violett. Sepp begleitet die Sonnenuntergangsstimmung mit dem Alphorn. Der Klang des Alphorns wird an den kargen Wänden der Walenstöcke zurückgeworfen und zwischen den obersten Felsspitzen strömen einzelne Wolken hindurch. Ich schliesse meine Augen und lasse das berauschende Echo auf mich wirken.

Das ist wohl der Inbegriff von Freiheit.

Abreise von der Alp Oberfeld

Bevor ich meine Heimreise nach Luzern antrete, frage ich Rita was ihr am Alpleben gefällt. Fast ohne Strom und ohne fliessendes Wasser, verbringt die Familie Waser nun bereits ihren neunzehnten Sommer auf der Alp Oberfeld. «Es ist die Einfachheit des Alp z’sii», erläutert mir Rita und fügt an: «Die Selbstständigkeit und Verbundenheit mit der Natur und den Tieren erlebt man heutzutage nur noch selten. Das schätze ich sehr hier.» Das Alpleben ist kein Zuckerschlecken. Der wenige Solarstrom wird für den Käsekeller benötigt, der Stromgenerator hinter der Hütte erzeugt gerade genug Strom für die Melkmaschinen und Wasser wird über eine mühsam angelegte Wasserpipeline auf die Alp geführt. Steckdosen und WLAN sucht man hier vergebens und irgendwie ist das schön.

Mit einer grossen Portion Ziegenkäse im Rucksack, gesammelten Eindrücke der letzten zwei Tage und einer Duftwolke aus Ziegensabber hinter mir herziehend, wandere ich den Walenpfad fertig. Unten am Bannalpsee nehme ich zusammen mit zwei älteren Damen das rote Bähnli nach Oberrickenbach runter. Wenn die wüssten wo ich die gerade war. Wahrscheinlich rochen sie es.

Frühzeitiger Alpabzug

Nach einem verspäteten Alpaufzug Ende Juni 2019 folgt nun auch ein frühzeitiger Alpabzug für die Familie Waser. Geplant war um den 20. September die Ziegen zurück auf den Heimbetrieb zu führen. Da aber bereits letzten Samstag auf der Alp Oberfeld Schnee gefallen ist, mussten die Tiere mangels Heu die Alp frühzeitig verlassen.

Der Alpabzug hat in der Schweiz Tradition. Nach dem Alpsommer kehren die Älplerfamilien im Herbst ins Tal zurück und behängen zur Feier des Tages ihre Tiere mit Glocken und prächtigem Blumenschmuck.

weitere Blogbeiträge zur Alp Oberfeld


Infos und Tipps


Egal ob im Tanzstudio oder an der Bushaltestelle, Laila ist immer tanzend anzutreffen. Mit einem Lachen im Gesicht und einer Fotokamera in der Hand sucht die gebürtige Luzernerin überall nach Geschichten und Menschen die sie inspirieren. Oder einfach nach weiteren Orten um tanzen zu können.

1 Gedanke zu „Sommer auf der Alp Oberfeld

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.