Fasnacht 2020 – Widerstand zwecklos

Kategorien Kultur, Luzern, Menschen, Tradition

Der Februar hatte es in sich für mich. Zuerst stand ich das erste Mal auf Skiern und dann schickte mich das Büro noch an die Luzerner Fasnacht. So kam es, dass ich als Fasnachts-Neuling am Güdis-Montag durch die Gassen der Luzerner Altstadt streifte und versuchte der Fasnachts-Hysterie auf die Spur zu kommen. Sofern man das noch streifen nennen kann, wenn man mit jedem Schritt auf dem bierverschmierten Boden kleben bleibt.

Als Nicht-Fasnächtlerin in der Fasnachts-Hochburg

Die Fasnacht startet am Schmutzigen Donnerstag um 5.00 Uhr morgens mit dem Urknall. Nachdem ich von diesem herzlich wenig mitbekomme, komme ich in der Bahnhofsunterführung das erste Mal in Berührung mit der Fasnacht. Während ich die Rolltreppe zum Perron A hinauf fahre, weht mir bereits ein verdächtiger Hauch von Bier und Holdrio entgegen. Der Eingang zum Büro ist mit Alkoholleichen gepflastert und die Schuhe bleiben in einer toxischen Suppe von Bier und Konfetti kleben. Wir befinden uns an der Bahnhofsstrasse. Von den «richtigen» Stadt-Fasnächtlern verachtet, von den hormongesteuerten 13 bis 18-Jährigen heiss geliebt. Ich schaue mich um und atme einmal tief aus. Wenn man die üblichen Verdächtigen in seltsamen Klamotten nicht mehr vom Rest der Stadtbevölkerung unterscheiden kann, dann ist definitiv wieder Fasnacht.

Die historischen Gibelbilder der Kapellbrücke werden während der Fasnacht mit bemalten Sperrholzplatten der Fasnachtsgruppen überdeckt.

An der Bahnhofsstrasse sind auch viele Wägen der Wagenbaugruppen parkiert. Nach den grossen Umzügen werden diese hier abgestellt und dienen fortan als Bar. Haie ziehen ihre Kreise in der Unterwasserwelt der Wagenbaugruppe Schnipp Schnapps und die Riesen-Wespe der Wagenbaugruppe Dooq kann neben ihren Beinen auch Kopf und Stachel bewegen. Beim näher ran treten fallen einem immer wieder neue Details auf, welche beim Umzug in der ganzen Reizüberflutung untergegangen sind.

Man kann nicht Nicht-Dabei sein

Während ich am Schmudo noch in die Berge fliehen kann, gibt es am Güdismontag kein Entrinnen mehr. Um 11:00 Uhr stürze ich mich mit Fasnachts-Connaisseuse Jana (23 Jahre alt und seit 23 Jahren an der Fasnacht) ins Getümmel. Wir schlendern etwas durch die Gassen und ich lasse das bunte Treiben auf mich wirken.

Ich muss zugeben, all die ausgefallenen Sujets und die aufwendig kostümierten Menschen mit ihren selbstgebastelten «Grende» haben mich wirklich beeindruckt. Und ich meine nicht diejenigen Spezialisten, welche sich etwas Farbe ins Gesicht schmieren oder Alibi-mässig einen Trainer überstülpen («höhö, weisch ich be so en Gym-Trainer» – Genau. Als würdest du nicht jeden Tag so rumlaufen amigo).

Unter der süssen Zwerge-Verkleidung verstecken sich übrigens Janas Eltern.

Musikfestival-Stimmung

Auf allen Plätzen der Altstadt ist ein ausgelassenes Fest. Guggenmusiken spielen, Familien schieben ihre selbstgebastelten Wägen durch die engen Gassen und aus den Fasnachtswägen fliesst der Holdrio. An keinem anderen Fest in der Stadt sind die Leute aus allen Altersklassen derart in Feier- und Trinklaune wie an der Fasnacht. Die ausgelassene Stimmung und die riesige Menschenansammlung erinnern mich an ein sommerliches Openair-Gelände. Mit dem Unterschied, dass man an den Festivals nicht mutwillig die Treppe runtergeschupst oder primitiv angerempelt wird. Nur die beengenden Menschenmassen sind ähnlich. Als kleiner Mensch wird man zwar in jeder Gruppe von mehr als fünf Menschen zerdrückt.

Klaustrophobie lässt grüssen: Am Güdismontag gab es auf dem Rathausquai fast kein Durchkommen mehr

Die Schattenseiten der Fasnacht

So gerne ich in diesem Blogbeitrag über meine Konvertierung zur richtigen Fasnächtlerin geschrieben hätte, anlügen will ich niemanden. Wenn ich sehe, dass die Stadt dieses Jahr noch grössere Abfallsäcke in noch näheren Abständen aufstellen liess und die Leute ihren Müll trotzdem auf den Boden oder in den Fluss werfen, macht mich das rasend. Rund 1 Tonne Bierdosen, Becher und Plastik muss das Stadtinspektorat aus der Reuss kratzen. Aus dem gottverdammten Fluss. Ich meine, wo leben wir, dass wir unseren Müll ohne Rücksicht einfach im Fluss entsorgen? Diese «es-liegt-eh-schon-viel-Abfall-herum-ich-werfe-meinen-auch-noch-auf-den-Boden»-Haltung ist für mich unbegreiflich.

Insgesamt kommen an der Fasnacht jeweils rund 110 Tonnen Abfall zusammen

Und wie war’s nun an der Fasnacht?

Ganz ehrlich: Es war besser als erwartet. Das schöne Wetter hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass ich zwischendurch wirklich Spass hatte etwas durch die Gassen zu schlendern, mir den Umzug anzusehen und mich ab den ausgefallenen Sujets zu amüsieren. Was mich wirklich fasziniert hat, sind die mit viel Herzblut geschneiderten Kostüme und selbstgebastelten «Grende». Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie viel aberhundert Stunden Aufwand in so ein Kostüm investiert wurden. Zudem sehe ich nun den Reiz, sich mit Freunden oder Familie Monate im Voraus über Kostümideen auszutauschen, um anschliessend als Einheit in der Stadt feiern zu gehen.

Zur Fasnächtlerin bin ich auch dieses Jahr nicht geworden, dafür kann ich die Fasnachts-Aufregung meiner Stadtgenossinnen und -genossen nun etwas besser nachvollziehen. Ich habe eingesehen, dass es nichts nützt sich gegen die Fasnacht aufzulehnen und sich dagegen zu sträuben. Einfach mit dem «flow» gehen und sich vielleicht nicht gleich zur Rushhour unter der Egg durchzwängen hilft.

Frühlingshafte 20 Grad lockten Scharen von Menschen auf die Gassen
Der Wey-Umzug am Güdismontag lockte wegen dem schönen Wetter rund 20’000 Zuschauende an.

Ich warte noch immer darauf, dass der Duft von Bier, Holdrio und verklebten Konfettis aus meiner Nase verschwindet. Wenn der Fasnacht eine Duftnote hätte, es wäre diese.

Und dann ist die fünfte Jahreszeit schon wieder vorbei. Bis nächstes Jahr!

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Egal ob im Tanzstudio oder an der Bushaltestelle, Laila ist immer tanzend anzutreffen. Mit einem Lachen im Gesicht und einer Fotokamera in der Hand sucht die gebürtige Luzernerin überall nach Geschichten und Menschen die sie inspirieren. Oder einfach nach weiteren Orten um tanzen zu können.

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