Im Schneckentempo gipfelwärts

Kategorien Natur, Nidwalden, Tiere

Einst war ihr zu kalt, nun wird ihr zu heiss. Seit der letzten Eiszeit lebt die Nidwaldner Haarschnecke auf den Gipfeln der Zentralschweiz. Doch die steigenden Temperaturen machen ihr zu schaffen. Wie lange hält sie es da noch aus?

Eiszeit. 15’000 Jahre vor heute. Die Alpen sind, soweit das Auge reicht, ein Eismeer. Nur ein paar wenige Gipfel schauen aus den Gletschern heraus. – So muss es hier wohl ausgesehen haben, stelle ich mir die Landschaft beim Aufstieg vom Haldigrat zum Brisen vor. Damals. Bestimmt hätte ich dann geradeaus über den Gletscher zum Chaiserstuel wandern können, zum Berg auf der anderen Talseite, welcher mit der flachen Kuppe einer Brioche gleicht.

Nun: Wir befinden uns in einer Warmzeit. Seit 1880 ist die Temperatur bereits weltweit um mehr als ein Grad gestiegen. Aufs Haldigrat bin ich nicht über Eis, sondern mit der Luftseilbahn Dallenwil-Niederrickenbach nach Maria-Rickenbach und anschliessend mit dem Sessellift Haldigrat gelang. Um den Chaiserstuel zu erreichen, muss ich etliche Höhenmeter hinauf und hinunter auf mich nehmen.

Entlang des Grats der Brisenkette, vom Haldigrat bis zum Oberbauen leben viele kleine Populationen der Nidwaldner Haarschnecke

Auf Schneckenjagd

Der Anlass für diese Wanderung ist eine kleine Schnecke, die, wie vor 100’000 Jahren die letzte grosse Eiszeit nahte und wie die Temperaturen sanken, vor den steigenden Gletschern floh, um ihr Leben kroch, immer weiter und weiter hinauf, bis ganz zuoberst unter die eisfreien Gipfel, wo sie sich im fast kahlen Boden und unter Steinen versteckte. Und hier blieb, als die Gletscher sich zurückzogen und schmolzen.

Die Nidwaldner Haarschnecke

Die Rede ist von einer Schnecke der Gattung der Haarschnecken. «Trochulus biconicus» ist ihr wissenschaftlicher Name. Nur gerade sechs bis sieben Millimeter ist das Häuschen breit, zwei bis drei Millimeter hoch. 1916 entdeckte der Basler Schneckenforscher Leo Eder diese kleine Schnecke auf der Bannalper Schonegg, dem Pass zwischen dem Isenthal und dem Engelbergertal, auf 2250 m ü.M. Er erkannte darin eine neue Schneckenart und taufte sie nach dem Ort der Entdeckung auf Nidwaldner Haarschnecke.

Mit dieser Wanderung vom Brisen auf den Chaiserstuel will ich Orte streifen, wo die Nidwaldner Haarschnecke lebt. Es sind ausgesetzte Wege, über die diese Wanderung führt, Gratwege, die in Gipfelbereiche führen – da wo die Haarschnecke eben vorkommt. Vom Haldigrat geht es bis weit unter den Brisen hinauf, bis auf 2180 m ü. M., wo der «Zickzackweg» abzweigt, der mich auf die Alp Sinsgäu hinunter führt. Von da steige ich zur Sinsgäuer Schonegg auf, zum nächsten Zickzackweg und wandere in engen Kehren in sehr steilem Gelände auf den Oberalper Grat. Weiter geht es auf einer schwachen Wegspur über den Grat bis auf den Chaiserstuel.

Über den Oberalper Grat gelangt man auf den Chaiserstuel

Weltweit einzigartig

Beinahe 90 Jahre war die Bannalper Schonegg das einzige bekannte Vorkommen von Trochulus biconicus. Das änderte sich, als das Bundesamt für Umwelt (BAFU) die Rote Liste der bedrohten Schneckenarten in der Schweiz überprüfte. Denn mit der Überprüfung machte es sich der Nidwaldner Biologe Markus Baggenstos zum Ziel, den Lebensraum und die Biologie dieser seltenen Haarschnecke zu erforschen. Zusammen mit Freunden durchkämmte er die Berge rund um den Chaiserstuel. Auch ich machte mit. Wir suchten gezielt nach ähnlichen Lebensräumen wie auf der Bannalper Schonegg: auf südexponierten Halden und schneearmen Kuppen, auf Felsköpfen und Felstreppen, zwischen Geröll, Schutt und Fels. Geländemodelle und viel Gespür lenkten uns. Und tatsächlich: Innerhalb von drei Jahren entdeckten wir auf etlichen anderen Bergen im Umkreis von einigen Kilometern rund um den Chaiserstuel, immer zwischen 2’100 und 2’575 m ü. M., 133 isolierte Populationen.

Und auf dem Engelberger Rotstock. Auch hier lebt sie auf der Kuppe im steinigen Gelände

Auf dieser Wanderung kann man die Berge, wo die Nidwaldner Haarschnecke lebt, sehen: Nebst dem Chaiserstuel sind dies die zwei Berge mit dem roten Spitz, der Uri Rotstock und der Engelberger Rotstock. Es gibt sie auch auf den Gipfeln der Walenstöcke. Wir konnten sie sogar auf der linken Seite des Engelbergertals finden: Auf dem Widderfeld Stock und auf dem Barglen ob der Melchsee Frutt. Wir entdeckten auch mehrere Populationen, auf dem Grat Brisenkette vom Brisen bis zum Oberbauen. Bei anderen Gipfeln in einem weiteren Umkreis hingegen, etwa im Urner Riemenstaldertal bleiben wir erfolglos.

Mit diesen neuen Funden erhärtete sich, was schon Eder vermutet hatte: Die Nidwaldner Haarschnecke ist eine Endemitin, nämlich ein Lebewesen, das es nur in diesem äusserst kleinen und räumlich klar umgrenzten Raum gibt.

Die Nidwaldner Haarschnecke ist genügsam. Ihre Nahrung findet sie auch im steinigen Gelände der Walenstöcke oberhalb der Alpweiden

Unter plattigen Steinen

Mit den Funden war das wissenschaftliche Interesse an der Haarschnecke geweckt. Die Universitäten Basel und Salzburg erforschten die Biologie des kleinen Tiers. Sie entdeckten dabei, dass die Nidwaldner Haarschnecke sehr gezielt ihre Behausungen aussucht. Im Winter und Frühling lebt sie unter kleineren Steinen, die sich rasch aufwärmen. Im Sommer hingegen, weicht sie unter grosse, und darum kühlere, plattige Steine und in tiefe Bodenschichten aus.

Die Forscher der Universitäten beobachteten die Schnecke auch rund um die Uhr und erkannten, dass sie nachtaktiv ist. Im Schneckentempo von einem halben Zentimeter pro Stunde verlässt sie dann ihr Versteck, um an gelb verfärbten, modrigen Blättern zu knabbern. Schönes und warmes Wetter hingegen ist nicht ihr Ding. Dann verkriecht sie sich in die Hohlräumen und bleibt unter den Steinen.

Ausweglos

Und damit ist die Achillesverse der Haarschnecke auch schon genannt: Wohin soll diese kleine Schnecke mit den immer wärmeren Temperaturen ausweichen, wenn ihr zu heiss wird unter den Steinen? Oder wenn andere Schnecken, die in der Höhe die Kühle suchen, ihr den Lebensraum streitig machen?

Einst floh die Nidwaldner Haarschnecke vor der Kälte, doch gegen die Hitze und die steigenden Temperaturen kann sie sich schlecht wehren. Für die Nidwaldner Haarschnecke ist die Flucht zu Ende, die Gipfel sind erreicht. Auch mit dem Futter steht es im Argen. Mit höheren Temperaturen verschiebt sich die Vegetationsgrenze nach oben. Der Lebensraum der Nidwaldner Haarschnecke, der karge, felsige, mit Steinplatten bedeckte Boden verschwindet. Weiter und höher hinauf: diese Strategie kann die Haarschnecke nicht mehr anwenden. Kann sie ihren Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen und wie? Ist sie in Zeiten des Klimawandels die Verliererin – eine unter vielen?

Die Nidwaldner Haarschnecke ist direkt vom Klimawandel betroffen. Noch weiter hinauf kann sie nicht.

Infos und Tipps


Elsbeth ist als Wanderleiterin, Wanderin und Bergwanderin so viel und so oft sie kann in den Bergen unterwegs. Denn die Berge faszinieren sie immer wieder und von neuem. Erst waren es die Landschaften, die Farben und Formen, die Verwerfungen. Später stieg sie weiter und höher auf die Berge hinauf, dahin wo die Zivilisation aufhört und wo die Wildnis beginnt. Heute geht sie den Geschichten aus den Bergen nach und erzählt sie wandernd mit der www.wanderbar.ch.

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