Glattalp: Wo die Rinder Ferien machen

Kategorien Menschen, Schwyz, Tradition, Wandern

Ein glückliches Rind verbringt den Sommer auf der Alpweide. Es steht, liegt, frisst und streift frei herum. Für den Älpler ist die Sommerzeit viel anstrengender, aber genauso beglückend. Ich besuchte Edi Gwerder und seine Familie auf der Glattalp hoch über dem Muotatal.

Grüne Alpweiden, grosse Felsblöcke und steile Bergflanken – die graue Alphütte fällt im Landschaftsgemälde kaum auf. Auf dem Vorplatz stehen Tische und Bänke wie in einer Alpwirtschaft. Nur ein Platz ist heute besetzt. Edi Gwerder sitzt bei einem Kaffee und beobachtet mit dem Feldstecher die Kühe, Rinder und Pferde. So gemütlich kann das Alpleben sein – aber nur dann, wenn sich Besuch angekündigt hat.

Viel Freiraum

Normalerweise wäre er um diese Zeit auf der Nachbarsalp Charenalp, um die Rinder zu kontrollieren und zählen. Heute erledigt das Sohn Christian für ihn. Rund 500 Mutterkühe und Rinder, 30 Pferde, 350 Schafe, Ziegen und Schweine können sich auf der Glattalp frei bewegen. Nur im Norden und Westen der Hochebene bewahrt ein Zaun sie davor, sich im steilen Gelände zu verlaufen oder abzustürzen. Von den Wanderern lassen sie sich zwischen Flachmoor, Bergsee, Karrenfeldern und Hängen hingegen nicht stören.

In der Zwischenzeit haben weitere Personen auf den Bänken Platz genommen. Dies ist keine Alpwirtschaft, doch ein «Schwarzes» (das heisst einen Kaffee mit Schnaps) bekommt man bei Edi Gwerders Frau Bernadette immer. Einige kaufen auch vor Ort gemachten Butter oder Ziegenkäse. Die Milch dafür liefern seine eigenen Kühe und Ziegen. Andere möchten einfach ein bisschen plaudern oder sich Wandertipps bei den Einheimischen holen.

Für die Familie Gwerder – «ds Heiris» wie sie im Muotatal genannt werden – ist heuer der 75. Sommer in der dritten Generation auf der Glattalp. Tiere verschiedener Bauern sind hier in den Ferien. Der Älpler, der sie hütet, ist selbst noch nie in die Ferien gegangen. «Uns fehlt hier nichts, wir verbringen den Sommer im Paradies», sagt er. Der 66-Jährige meint damit die Beziehung zu den Tieren, die atemberaubende, raue Landschaftskulisse und die morgendlichen Lichtstimmungen. Doch ich zweifle, ob andere Leute das Paradies so definieren würden: jeden Tag früh aufstehen und 30 Kilometer zu Fuss zurücklegen, um fremde und eigene Tiere zu kontrollieren.

Inmitten der Ruhe

Aber irgendwie muss ich ihm auch Recht geben. Diese Ruhe, welche die Glattalp ausstrahlt, durchdringt und erfüllt mich. Die Weite der Hochebene und die Schroffheit von Ortstock und Höch Turm lassen eine erhabene Urkraft spüren. So ähnlich wird es auch den Familien ergehen, die gemütlich um den Glattalpsee wandern. Oder den Bergwanderern, die von der Glattalp den Bergkamm ins Glarnerland überqueren.

Das Älplerleben hat Edi Gwerder schon als Kind gepackt. Er kennt nichts anderes und hat auf der Alp Wurzeln geschlagen. Der natürlichen Anziehungskraft der Glattalp sind auch seine drei erwachsenen Kinder erlegen: Nachfolger Christian unterstützt ihn bei der Alp-Arbeit, Manuel kümmert sich um die administrativen Arbeiten und Franziska führt die SAC-Hütte Glattalp. Enkelin Lina verbrachte letztes Jahr ihren ersten Alpsommer mit dem Grossvater. Wird die Zweijährige später auch dem magischen Ruf des Ortes folgen?


Infos und Tipps?


Manuela schreibt seit dem Jahr 2000 über den Kanton Schwyz. Zuerst als Journalistin, später für Schwyz Tourismus. Allein oder mit ihrer Familie sucht sie nach Neuem, Unentdecktem und Verstecktem zwischen dem Zürichsee, dem Vierwaldstättersee, der Spitze der Rigi und dem hintersten Winkel des Muotatals. Sie begegnet Menschen, die im lokalen Brauchtum verwurzelt sind, innovative Ideen leben oder die Schätze der Natur hegen. So viel Begeisterung für die Schwyzer Vielfalt und landschaftliche Schönheit kann man nicht für sich behalten, man muss sie teilen.

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