Schlafen im Stroh, Glamping in einem Iglu aus Frischhaltefolie oder von mir aus in einem überromantisierten Baumzelt mitten im Fichtenwald – aussergewöhnliche Unterkünfte sind im Trend. Wir haben für euch das erste Silo-Hotel der Schweiz (wenn nicht sogar der Welt) getestet und sind dafür nach Escholzmatt in die UNESCO Biosphäre Entlebuch gedüst.

Der Weg zum Bio-Suisse-Landwirtschaftsbetrieb Tannenhof sollte eigentlich ein leichter sein. Schliesslich ist der Tannenhof in unmittelbarer Gehdistanz zum Bahnhof Escholzmatt. Wer braucht schon Google Maps, denken wir uns. So ein 8,5 Meter hohes Silo, wird doch schon von Weitem sichtbar sein, denken wir uns.

Das wird unsere heutige Unterkunft sein (also rechts das Silo, nicht links der Hühnerstall)

Falsch gedacht. Auf halber Strecke müssen wir kapitulieren und werfen einen flüchtigen Blick auf die Karte. Zum Glück. Um ein Haar wären wir falsch abgebogen. Lea und ich teilen uns neben einem mittleren bis schwach ausgeprägten Orientierungssinn noch weitere Gemeinsamkeiten: Wir besitzen beide ein von Heuschnupfen malträtiertes Immunsystem, sind leidenschaftliche Skorpione und stehen mit einer Grösse von 1,60 m auf der eher kleineren Seite des Lebens. In einer Sache unterscheiden wir uns jedoch grundsätzlich. Und diese Sache rennt uns gerade mit 30 km/h entgegen.

Der Tannenhof liegt nur wenige Gehminuten vom Dorf Escholzmatt entfernt.

Silo in Sicht!

Wie ein Schutzschild presst mich Lea vor sich, während ich meine Hand von der nassen Hundeschnauze beschnuppern lasse. Jetzt biegen auch die beiden Schwestern Luzia und Regula um die Ecke und pfeifen die neugierige und sehr gut erzogene Hündin mit dem rot-weissen Fell und dem äusserst kreativen Namen «HeySiri» zurück. Wir begrüssen uns und werden sogleich mit der gesamten Entourage aus Kindern, Hunden und Katzen zu unserer heutigen Unterkunft begleitet.

HeySiri liebt Kinder und ist ein freundliches Hof-Gspändli

Spätestens jetzt, sehen auch wir das Silo. Mintgrün ragt es in die Höhe, kleine Fenster markieren die vier Stockwerke und auf dem Dach weht heroisch eine Schweizerflagge im gelb verfärbten Wind. Heute ist offiziell Saisoneröffnung. Kein Wunder sind alle etwas nervös. «Nach einer zweijährigen Umbauphase konnten wir das Silo-Hotel endlich Ende August 2025 eröffnen», erzählt uns Luzia die Anfänge des Hotels. Aufgrund des schlechten Wetters sei die Saison letztes Jahr aber sehr kurz ausgefallen, sodass sich jetzt alle umso mehr auf die erste richtige Saison freuen.

Besseres Frühlingswetter für diesen Ausflug geht nicht.

Immobilienmakler in the making

Die Freude ist wahrlich gross und so erhalten wir statt von den beiden Projektinitiantinnen von deren beiden Söhnen Eric und Simon die obligatorische Hoteltour. Beim Betreten des Silos fällt uns als Erstes der Duft auf. Es riecht nämlich – nicht wie erwartet nach kompostiertem Gras (oder was auch immer wir uns vorgestellt haben, wie es im Inneren eines Gras-Silos riecht) – sondern nach frischem Holz. Verrückt.

Die beiden Schwestern und Silo-Initiantinnen: Regula und Luzia.
Schlafen auf dem Bauernhof: vor der Hütte spazieren Hühner oder Kühe umher.

Der Rundgang beginnt ganz unten, wo wir unsere Alltagsschuhe gegen Haussandalen tauschen. Die beiden angehenden Immobilienmakler öffnen die erste Tür, und wir erblicken ein topmodernes WC und eine Dusche (inklusive Warmwasser?!) Wow, was für ein Luxus. Da kann Glamping gleich einpacken. Die Hängematte, in den von Stechmücken bevölkerten Baumwipfeln, sowieso.

Alles wurde topmodern und mit viel Liebe umgebaut.

Über eine enge Holztreppe gelangen wir in den Essbereich im ersten Stock, der mit einer Kaffeemaschine, einem Teekocher und einem ominös aussehenden Gerät ausgestattet ist, das sich später als Eierkocher entpuppt. Rechts führt eine Tür hinaus auf den sonnigen Sitzplatz, wo Luzia und Regula morgen das Frühstück hinstellen werden. Die Eier müssten wir aber schon selbst aus dem Hühnerstall holen, geben sie uns augenzwinkernd zu verstehen. Viel mehr Bauernhof-Leben geht nicht.

Etwas vorgegriffen, aber so wird das mysteriöse Eierkoch-Apparätchen bedient.

Mit Blick auf die Sterne

Die Kinder lotsen uns in den zweiten Stock, wo ein weiches Bettsofa mit Kissen, Decken und Gesellschaftsspielen verrät, dass dieser Raum zum Entspannen und Lesen gedacht ist. Als wäre das Leben in einer vertikalen Kapsel auf vier Stockwerken nicht Highlight genug, wartet das Beste an dieser aussergewöhnlichen Übernachtung wohl auf den obersten 10 m2. Eine transparente Kuppel gibt den Blick auf das sich langsam schlafenlegende Himmelszelt frei, während darunter ein kuscheliges Doppelbett auf die gemeinsame Nacht mit uns wartet. Zum Glück steht uns heute eine glasklare Nacht bevor. Die Sterne stehen also gut für einen schönen Sternenhimmel – höhö.

Ein Highlight des Silo-Hotels ist bestimmt das Schlafzimmer mit der transparenten Kuppel.

Mütter und ihre Schnappsideen

Nachdem wir die ganzen Stockwerke wieder hinuntergekraxelt sind, treffen wir Luzia und Regula auf dem Gartensitzplatz wieder. Während Katze Sushi auf dem Baum hinter uns ihre akrobatische Solonummer à la Cirque du Soleil probt, tollt Hündin HeySiri gemeinsam mit den vier Kindern auf der benachbarten Wiese herum. Ich möchte wissen, wie die Geschichte mit dem Silo begonnen hat. Doch bevor die Schwestern antworten können, ruft Simon bereits lauthals «Schnappsidee!», aus dem hüfthohen Gras. Luzia und Regula können nur lachend nicken.

Katze Sushi turnt in den Bäumen über uns herum.

Gestartet habe alles im Herbst 2023 mit dem Infoanlass zum Projekt «GO UP Agro-Alp-Tourismus» resümiert Luzia über die Anfänge. Mit diesem Projekt wollte die UNESCO Biosphäre Entlebuch die Landwirt:innen dazu inspirieren, auf ihren Betrieben einzigartige Erlebnisse anzubieten. «Wir haben zwar am Anlass teilgenommen, die Idee für eine Übernachtungsmöglichkeit auf unserem Betrieb aber schnell wieder verworfen», meint Regula und ergänzt schmunzelnd: «Und plötzlich stand Luzia dann doch mit dem Doppelmeter im Silo.»

Eine Bedingung des Projekts war, dass das Erlebnis im «Betriebszentrum» stattfinden muss.

Ein zehnköpfiges Familienprojekt

Doch warum stand das Silo überhaupt leer? Wir erfahren, dass der Bio-Milchwirtschaftsbetrieb schon seit einigen Jahren nicht mehr «silierte» und das Silo deshalb ungenutzt war. Ein kurzes Side-Eye zu Lea bestätigt mir, dass auch sie keinen blassen Schimmer hat, was «silieren» bedeutet, geschweige denn, welche Prozesse in so einem Silo ablaufen. Luzia erklärt uns, dass es beim «Silieren» eigentlich wie beim Fermentieren zu und her geht – halt nur in der XXL-Variante. Zusammengefasst: Durch den Fermentationsprozess im Silo entsteht leckeres probiotisches Futter für die Kühe.

Heute übernimmt ein sogenanntes «Lohnunternehmen» diesen Prozess und produziert diese lustigen Ballen, die du bestimmt auch schon auf der Wiese hast rumstehen sehen. Der Gärungsprozess findet jetzt etwas kompakter statt.

Früher gärte das Heu im Silo, jetzt in diesen Ballen.

Die Dynamik zwischen den Schwestern nimmt Fahrt auf: «Du wolltest dieses Silo doch gar nicht per se umbauen!», neckt Regula ihre ältere Schwester, die lachend erwidert: «Ich wollte einfach wissen, warum das sonst niemand macht, und herausfinden, ob wir es schaffen würden».

Und das haben sie, auch wenn die Baueingabe mehr Hürden aufwies, als ursprünglich angenommen. Am Ende war das Silo-Hotel (Gewinner des Agrotourismus Award 2024 der UNESCO Biosphäre Entlebuch) aber der Verdienst der gesamten zehnköpfigen Familie – inklusive Eltern, die ebenfalls auf dem Tannenhof wohnen und zu den Kühen schauen.

Die Eltern kümmern sich auf dem Tannenhof unter anderem um die Milchkühe.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Während sich Hund und Katze immer noch neben dem Tisch prügeln, folgen Lea und ich erst einmal dem Ruf des Dorfes und unseren knurrenden Mägen. Da der Supermarkt bereits geschlossen hat, beschliessen wir, ein Restaurant aufzusuchen. Zum Glück trennen Silo-Hotel und Dorf nur läppische 700 m. Die Wahl fällt auf Pizza und dann auf Aperol Spritz. Schliesslich wollen wir noch auf unseren ersten gemeinsamen Blogbeitrag und die coole Unterkunft anstossen. Cheers!

Da kommt richtig Italianità in Escholzmatt auf.

Mit prallem Magen und auf leisen Sohlen rollen wir zurück auf den Tannenhof. Nach einer kurzen Zahnputzparty schlüpfen wir in unsere Pyjamas (also ich. Lea glaubt nicht an dieses Konzept). Dass das Silo nicht beheizt ist, merken wir erst jetzt in der Nacht. Zum Glück ist die Decke extra flauschig und extra warm, sodass wir uns tief in den siebten Daunenhimmel hineinkuscheln können.

Einschlafen mit Blick auf die Sterne (ohne draussen zu frieren) – top.

Wer jetzt immer noch friert, findet in den unteren Stockwerken Decken und Bettflaschen. Very fashionable (und warm) sind auch die gestrickten Tiermützchen in Form von Fuchs und Hase (na, die Metapher geschnallt?). Bevor uns nun endgültig die Äuglein zufallen, versuchen wir noch, den Sternenhimmel über uns mit der Kamera festzuhalten. Sagen wir es so: Es bleibt beim Wort «versuchen».

Die gestrickten Fuchs- und Hasen-Kopfwärmer.
Nicht ganz einfach, so einen Sternenhimmel einzufangen.

Eineinhalb Disneyprinzessinnen

Am nächsten Morgen kitzeln uns die ersten Sonnenstrahlen aus den Federn. Biiiiiiig stretch – was für eine ruhige und angenehme Nacht das war. Während Lea im Silo noch in den Morgen findet, schlüpfe ich bereits für eine kleine Erkundungstour auf den Hof. Ich schaue im Meerschweinchen-Gehege nach, ob Bernadette, Noisette, Jean-Jacques und Luna schon munter auf den vier Beinchen stehen. Doch die scheinen selbst noch das Heu anzuschnarcheln.

Nicht nur die Meerschweinchen scheinen noch zu dösen…

Ich watschle mit HeySiri im Schlepptau hinüber zum Kuhstall, staube mir fast einen sabbernden Handkuss von einer zutraulichen Holstein-Kuh ab und versuche gleichzeitig, nicht von Orangina, einem der roten Kätzchen, angefallen zu werden. Wäre gerade echt bisschen suboptimal mit der Katzenallergie….

Ich bin mir nicht sicher, ob HeySiri die Hühner wirklich nur beschützen will…
Ich bin mir nicht sicher, ob HeySiri die Hühner wirklich nur beschützen will…

Auf dem Weg zum Hühnerstall verfolgt mich dann neben dem Hund auch noch die Katze und auch die Hühner scheinen mir nachzulaufen, sodass mich mit dem Vogelgezwitscher im Hintergrund endgültig das Gefühl beschleicht, eine versteckte Disneyprinzessin zu sein – fehlt nur noch die musikalische Begleitung eines Streichorchesters.

Frühstücken in der Frühlingssonne

Zurück beim Silo stellen wir fest, dass Luzia uns bereits das Frühstück in den Holzunterstand gelegt hat. Verschiedene Konfitüren, Müslis, Butter, hauseigener Honig und Joghurts aus der Region warten nur darauf, von uns in der warmen Frühlingssonne verspeist zu werden. Sogar ein frisch gebackenes Brot und frische Kuhmilch finden wir auf unserer Aussenterrasse vor. Fehlen also nur noch die Eier aus dem Stall. Lea?

Frischer geht‘s nicht. Eier aus dem Hühnerstall.

Während wir unser Frühstück in der herrlichen Frühlingssonne geniessen, werden auch die Kühe aus dem Stall zu ihrem Frühstücksplatz oben auf der Weide begleitet. Wir nehmen einen Schluck Apfelmost und sinnieren über die Einzigartigkeit des Silo-Hotels: Es ist eine echte Leistung, ein bestehendes Silo so umzufunktionieren, dass es einen derart komfortablen Ausbaustandard in Bezug auf Strom, Sanitäranlagen und Warmwasser erfüllt.

Frühstücken in der Frühlingssonne – so lässt sich‘s definitiv leben.

Nach einer Stunde haben wir das Landliebe-Frühstück verputzt. Wir verabschieden uns von Kindern und Katzen sowie von Hund bis Hühnern und möchten von Regula und Luzia zum Abschied wissen, was sich seit der Eröffnung des Silo-Hotels bei ihnen verändert hat. «Wir müssen uns mehr organisieren», antwortet Regula, woraufhin Luzia grinsend anfügt: «Das ist Regulas Antwort. Ich finde, das Leben ist spannender geworden. Wir treffen auf Gäste und Geschichten, die wir sonst so nie kennengelernt hätten. Früher reisten wir viel. Heute kommt die Welt zu uns.»

In dem Sinne: Ende gut, alles gut.


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Egal ob im Tanzstudio oder an der Bushaltestelle, Laila ist immer tanzend anzutreffen. Mit einem Lachen im Gesicht und einer Fotokamera in der Hand sucht die gebürtige Luzernerin überall nach Geschichten und Menschen die sie inspirieren. Oder einfach nach weiteren Orten um tanzen zu können. Mehr von Laila auf www.laila-schreibt.com

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