Waldbaden in der Naturschutzoase Vogelmoos

Kategorien Empfehlungen, Natur, Seetal

Samstagmorgen, der erste Sommerferientag im Kanton Luzern. Mein Freund und ich starten zu einem Ausflug der besonderen Art: Wir gehen Waldbaden im Naturschutzgebiet Vogelmoos.

Eine stille Oase für Naturliebhaber

«Muss ich eine Badehose mitnehmen?» fragt mich Martin bevor wir aufbrechen. Nein, eine Badehose braucht es fürs Waldbaden nicht. Wir packen unsere Rucksäcke, setzen den Helm auf und radeln Richtung Römerswil. Auf der Verbindungsstrasse nach Neudorf geht es ungefähr auf halbem Weg rechts auf einem Nebenpfad weg. Bei der Waldhütte am Waldrand stellen wir unsere Velos ab. Nun geht es zu Fuss weiter zum Naturschutzgebiet Vogelmoos.

Ankommen, Beobachten, Runterkommen

Nach einem 15-minütigen gemütlichen Marsch erreichen wir das Naturschutzgebiet Vogelmoos. Das Naturjuwel ist nicht sehr gross – es umfasst 8.3 Hektar, was ungefähr 11.5 Fussballfelder entspricht. Die Stiftung Pro Vogelmoos hat in den letzten 40 Jahren hier Grossartiges geschaffen: Sie erwarben das Stück Wald und einige Landwirtschaftsflächen, entzogen sie der intensiven Nutzung und schufen einen neuen Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere. Heute findet man hier einen geschützten Wald mit einer von Hecken abgeschlossenen Waldeinbuchtung mit Teichen, Wassergräben, Feuchtwiesen, Hochstaudenfluren und Grossseggenried. Die grossen Weiher werden von mehr als 20 Libellenarten bewohnt, darunter die Grosse und Kleine Granatauge oder die Falkenlibelle. Auch Wasser- und Grasfrösche, Erdkröten, Bergmolche und Ringelnatter fühlen sich hier wohl. Dank nachhaltiger Pflege soll in den kommenden zwei Jahrzehnten der Nadel-Mischwald dem Laub-Mischwald Platz machen, sodass typisch einheimische Arten ideale Bedingungen vorfinden können und das Gebiet weiter gedeihen kann.

Naturschutzgebiet Vogelmoos – Ein Paradies für Tiere, Pflanzen und Menschen

Wir spazieren gemütlich den Weihern entlang und beobachten die vielfältigen Pflanzen und die Frösche auf den Blättern der Seerosen. Dabei springen meine Gedanken wie die Frösche hin und her – zwischen den Eindrücken der Gegenwart und den Ereignissen der vergangenen, hektischen Arbeitswoche. Es wird mir bewusst, wie schwierig es sein kann, sich auf den Moment einzulassen und sich vom Alltag zu trennen. Also: tief durchatmen, innehalten, nochmals versuchen. Denn genau darum geht es beim Waldbaden – um das gezielte eintauchen im Wald und im jetzigen Augenblick.

Den Moment einfangen

Die Schönheit des Moments

Um die Konzentration auf das Hier und Jetzt zu erleichtern, bedienen wir uns eines einfachen Mittels: dem Smartphone. Wir halten Ausschau nach schönen Blumen, nach Insekten, Fröschen, kleinen Details und lenken beim Fotografieren die volle Aufmerksamkeit auf die unscheinbaren Kunstwerke. Und ohne es zu merken, ist man allmählich drin – Mitten in der Schönheit des Moments. Nach einer knappen Stunde führen wir unseren meditativen Spaziergang weiter. Eine Zeitlang spazieren wir noch auf dem Wanderweg, danach verlassen wir den Pfad und begeben uns langsam unter die Nadelbäume.

Eintauchen im Wald

Gemäss Waldbade-Anleitung würde man tief in den Wald eindringen, durchs Dickicht – am liebsten Barfuss. Dies erscheint uns aus zwei Gründen unangemessen: Einerseits befinden wir uns im Zeckengebiet, andererseits ist das Innere des Walds Lebensraum vieler Wildtiere, die wir mit unserer Anwesenheit nicht stören wollen. Also bleiben wir in der Nähe des Wanderweges. Auch hier konzentrieren wir uns auf die kleinen Details – und es hat eine Menge davon. Wunderbare Farbabstufungen in Grün, Blau, Rot, Orange Braun und Grau, die durch die Äste schimmernden Sonnenstrahlen, der feine Duft der Nadelbäume, das Zwitschern der Vögel, das Summen der Insekten – was für eine Wohltat.

Mehr als nur Spaziergang

Beim Waldbaden steht nicht die körperliche Betätigung, sondern die geistige Ruhe im Zentrum. Der Weg ist das Ziel – man eilt nicht zwischen den Bäumen durch wie beim Joggen oder Biken, sondern schlendert ganz ohne Plan von hier nach dort. Dabei kann man Blätter, Äste, Tannenzapfen und andere Fundstücken sammeln und sie an einem schönen Ort zu einem Kunstwerk anordnen. Oder das weiche, noch vom Morgentau feuchte Moos berühren – einen Baum umarmen – Beeren sammeln – Jahrringe zählen – sich von der Sonne küssen lassen oder einfach den Baumwipfeln im Wind zusehen und dabei ins Schwelgen geraten. Das alles ist Waldbaden.

Den noch feuchten Moos berühren und Naturschätze sammeln

In Japan wird diese Art Achtsamkeitsübung «Shinrin-Yoku» genannt. Seit den 1980er-Jahren wird die Wirkung des Waldbadens erforscht und medizinisch angewendet. Dort konnte nachgewiesen werden, dass das Waldbaden positive Effekte auf die Gesundheit ganz allgemein haben kann. Der Blutdruck wird gesenkt, die Immunabwehr verbessert und Stress reduziert. Das geschieht insbesondere durch das Einatmen des frischen Sauerstoffs und der ätherischen Öle der Nadelbäume. Das Grün des Waldes wirkt insgesamt beruhigend und regeneriert.

Beseelt und geerdet kehren wir zu unseren Velos zurück. Es ist unfassbar: Ich fühlen mich ganz anders, als zu Beginn der heutigen Reise ­– ruhiger, erfrischt. Ich spüre eine gesunde Distanz zur alltäglichen Geschäftigkeit und eine wachsende Energie in mir. Meinem Freund geht es genauso. Da muss was dran sein, an diesem «Shinrin-Yoku».


Links und Tipps:


alle Bilder stammen von © Diana Fry

Menschen aus der Region Luzern-Vierwaldstättersee. Sie berichten über ihre persönlichen Erlebnisse, plaudern aus dem Nähkästchen und verraten unbekannte Schätze aus der Region. Ob Malerin, Grafiker oder Bauarbeiter. Sie alle verbindet die Begeisterung für ihre Region.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.