Grundsteine Obwaldens – gelegt von «gweerigä Fraiwä» (Teil 2)

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Stell dir vor, jede Frauengeschichte ist ein Stein und aus diesen Steinen baust du den Kanton Obwalden. Du hast richtig gelesen – ein Kanton erbaut von Frauen. Mit welchen Frauengeschichten würdest du bauen? Welche mutigen und selbstbestimmten Frauen bilden die Basis unseres Lebens?

Hier gehts zu Teil 1

Im Jahr der Frau und 50 Jahre nach dem Ja zum Frauenstimmrecht ist es Zeit, mehr über unsere weiblichen Vorfahrinnen zu erfahren. Die Geschichte Obwaldens besteht aus unendlich vielen Frauengeschichten, doch die meisten davon sind unbekannt.

Im «Buch von der Stadt der Frauen» liess die italienisch-französische Schriftstellerin Christine de Pizan (ca. 1364 -1429) wichtige Frauengestalten aus der biblischen und profanen Geschichte metaphorisch eine Stadt gründen. Die Geschichte jeder dieser Frauen ist zugleich Baustein und Geschichte der Stadt. Dadurch angeregt begann ich, als Praktikantin im Museum Bruder Klaus, zu recherchieren und entdeckte eine Vielzahl erzählenswerter Geschichten von Obwaldnerinnen, die mutig und selbstbestimmt ihren Weg gingen. Diese Geschichten werden ab 26.06. in der neuen Ausstellung «Gweerigi Fraiwä» im Museum Bruder Klaus erzählt.

«Gweerigi Fraiwä», Gestaltung, Louis Möhrle / Ausstellungsansicht Museum Bruder Klaus.

Di gweerigä Fraiwä

«Gweerigi Fraiwä», so nennen wir sie, diese vielseitigen Persönlichkeiten, die das gesellschaftliche und kulturelle Leben Obwaldens prägten. Der Begriff «gweerig» wird im Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld (Neuausgabe 2020) übersetzt mit gewandt; selbständig; einfallsreich und ist den Obwaldnerinnen und Obwaldnern auch heute noch geläufig.

Die Ausstellung ist eine Hommage an die vielen bemerkenswerten «Fraiwä» aus Obwalden – sechs davon werden in Porträts genauer vorgestellt (siehe weiter unten). Den sechs Frauen ist gemeinsam, dass Sie zielstrebig ihren Weg gingen, trotz Widerständen. Wie dieser Weg aussah, unterscheidet sich deutlich von Frau zu Frau. Porträtiert werden eine Hebamme, eine Hotelière, eine Lehrerin und Aktivistin, eine Ethnologin, eine Künstlerin, sowie eine Heilerin.

Persönliche Objekte und regionaler Bezug

Ausstellungen mit einem regionalen Bezug berühren das Publikum oft ganz persönlich. Erfährt jemand von den zu ausstellenden Frauen heisst es plötzlich: «Hedi Burach-Enz? Ja, diese Hebamme habe ich auch gekannt- eine ganz sympathische und quirlige Frau». Als Ausstellungsmacherin muss ich die Balance finden zwischen dem Vermitteln von Fakten, etwa der Biografie einer Frau, und dem Lebendig-werden-lassen einer Persönlichkeit, die in Anekdoten und Alltagsgeschichten der Obwaldner Bevölkerung weiterlebt. Was macht diese bestimmte Frau aus? Wie kann ich ihren Charakter, ihr Leben, ihr Sein mit unbelebten Objekten und mit Text beschreiben?

Heidi Burach Enz, eine der Protagonistinnen der Ausstellung.

Wo Christine de Pizan metaphorische Steine legt, lege ich den Besuchern Objekten und Dokumente aus dem Leben der einzelnen Frauen hin. Die hilfsbereite Mitarbeit früherer Bekannter oder Verwandter der «Fraiwä» ermöglicht uns, zu jeder Frau mindestens ein persönliches Erinnerungsstück auszustellen.

Von der Hebamme Hedi Burach-Enz zeigen wir zum Beispiel ein Hörrohr, mit dem sie kindliche Herztöne abhören konnte. Ein persönliches Objekt trägt immer noch etwas von der Person in sich, der es gehörte. Und zusammen mit biografischen Details, Interviews zum Hören, Fotos und Dokumenten erzählen die Objekte einzigartige Lebensgeschichten.

Zwischen Präsenz und Transparenz

In der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit, auch in Museen, hatten Frauen nicht immer Platz. Mit der Idee von weiblicher Transparenz und Präsenz spielt auch Monika Gasser, deren Arbeiten aus der Serie portraits de femmes die Frauengeschichten ergänzen. Ihre aus Gaze, Stoffen und Naturmaterialien gefertigten Kleider (nicht zum Tragen gedacht) sind eine Hommage an verstorbene Frauen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, etwa eine Grosstante oder eine gute Freundin. Sie thematisieren Vergänglichkeit und sind gleichzeitig Erinnerungen, die im Raum schweben.

Wenn ich durch die Ausstellungsräume gehe, bewegen sich die schwebenden Kleider, als würden sie mich begrüssen. Dann schaue ich mir die sechs porträtierten Frauen an und spüre, was sie geleistet haben. Ich bemerke die Kraft, mit der sie sich einsetzten für ihre Familie, ihre Freunde, die Obwaldnerinnen und weitere Menschen aus nah und fern und fühle, wie ihr Lebensgeist die Konturen des Kantons mitzeichnete.

Ausstellungsansicht «Gweerigi Fraiwä».

Das sind die gweerigä Fraiwä

Die neue Ausstellung «Gweerigi Fraiwä» läuft seit dem 26. Juni und ist eine Hommage an bemerkenswerte Frauen aus Obwalden, die sich für sich selbst und andere einsetzten. Diese Ausstellung wurde angeregt durch das Projekt Hommage 2021, hommage2021.ch und entstand in Zusammenarbeit mit dem Tal Museum Engelberg, dem Historischen Museum Obwalden und dem Museum Bruder Klaus.

Iren von Moos (1952-1988) studierte Ethnologie und Islamistik. Sie reiste mehrmals nach Afghanistan, um dort Feldforschungen zu unternehmen – vor allem im Munjan-Tal, das nur zu Fuss über Pässe erreichbar war. Dabei knüpfte Iren enge Kontakte zu den lokalen Frauen und integrierte sich ins Dorfleben. Iren interessierte sich insbesondere für die Stellung der Frau in der islamisch geprägten Gesellschaft.

Hedi Burach-Enz (1912-2010) arbeitete in Giswil als Hebamme. Auch nach ihrer Hochzeit und der Geburt ihrer Tochter blieb sie ihrem Beruf treu. In ihrer 46-jährigen Tätigkeit als Hebamme setzte sich Hedi für Hygiene im Geburtszimmer ein, liess die Väter an der Geburt teilhaben und zeigte den Frauen moderne Rückbildungsübungen. Sie engagierte sich ausserdem politisch und erreichte eine bessere Bezahlung der Hebammen.

Emma Gremli-Schäli (1914-1994) war eine empathische Frau; eine Naturheilerin, die mit «geistigen Kräften und Energien» umzugehen wusste. Chirurgen in Basel stellten Emma ein, um mit ihrem Pendel Tumore zu orten. Auch nach ihrem Tod wollte Emma den Leuten behilflich sein. Ihr Erbe diente als Kapital für eine Stiftung für Sterbebegleitung, um sterbenden Menschen in Obwalden „mit menschlicher Nähe, Liebe und Unterstützung beizustehen“. Letztes Jahr feierten die rund 70 ehrenamtlich tätigen Begleitpersonen das 25-jährige Bestehen der Emma Gremli-Schäli Stiftung.

Als erste Frau in Obwalden ging Justine Stockmann-Imfeld (1881-1962) konsequent den Weg einer Künstlerin, auch wenn sie im Dorf dafür belächelt wurde. Sich ganz der Malerei widmen, konnte sich Justine erst nach der Scheidung ihres Ehemannes, dem bekannten Künstler Anton Stockmann. Die Ehe blieb kinderlos und war überschattet von finanziellen Sorgen. Justine war eine begabte Künstlerin, aber als eigenwillige Frau wurde sie ausgegrenzt.

Margrit Spichtig-Nann (1943–2014) war Lehrerin, Hilfswerkerin und Aktivistin. Die eigene Spiritualität, sowie Missfallen an der katholisch-kirchlichen Enge, motivierten Margrit nebenberuflich ein Theologiestudium mit Abschluss als Katechetin zu machen und frischen Wind in den Pfarreirat und den Religionsunterricht zu bringen. Auf Bitte von abgewiesenen und verzweifelten kurdischen Asylbewerbern in Obwalden führte Margrit 1990/91 einen 40-tägigen Hungerstreik durch, um auf die Tragik der Geflüchteten und die menschenunwürdige Asylpolitik aufmerksam zu machen und die Ausweisung kurdische Flüchtlinge aus der Schweiz zu verhindern.

Die tüchtige Hoterière Louise Durrer-Traxler (1872-1963) übernahm nach dem tragischen Tod ihres Ehemannes Emil Durrer die Leitung des Kurhotels Honegg, Bürgenstock. Die Honegg, ein Hotel welches das Ehepaar gemeinsam aufgebaut und betrieben hatten, war ein Ort der Begegnung mit der weiten Welt, die Hotelgäste kamen von überall her. Dank ihrer Kompetenz in der Hotelführung und gute Fremdsprachenkenntnisse brachte Louise das Hotel heil durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg.


Weitere Links und Tipps


Gast-Bloggerin: Nicole Edwards (28 J.), Praktikantin Museum Bruder Klaus Sachseln aus Dallenwil.

Menschen aus der Region Luzern-Vierwaldstättersee. Sie berichten über ihre persönlichen Erlebnisse, plaudern aus dem Nähkästchen und verraten unbekannte Schätze aus der Region. Ob Malerin, Grafiker oder Bauarbeiter. Sie alle verbindet die Begeisterung für ihre Region.

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