
Wenn wir reisen, halten wir Momente meist mit unserem Auge oder einer Kamera fest. Doch wie hat es bei der letzten Stadtführung eigentlich gerochen? Welche Geräusche sind mir geblieben? Für sehende Menschen treten die anderen Sinne oft in den Hintergrund – manchmal so sehr, dass wir sie kaum bewusst wahrnehmen. Deshalb treffe ich mich mit Ivo Egger auf einen «Blindflug» durch die Stadt Luzern.
Dieser Blogbeitrag kann gelesen und gehört werden:
Planung ist das A und O
Eine gute Planung ist gar nicht so einfach, wenn der Treffpunkt beim Torbogen vor dem Bahnhof Luzern ist. Hier habe ich mich heute mit Ivo verabredet. Ivo ist seit 2020 Gemeindepräsident der Luzerner Gemeinde Buchrain. Als Folge einer Netzhautdegeneration hat er das Augenlicht verloren. Aus den Erzählungen über Ivo weiss ich, der Politiker kommt eigentlich nie zu spät. Das grosse Uhrenblatt am Torbogen zeigt bereits 11.05 Uhr. Als ich gerade zum fünften Mal auf mein Handy spienzle und mich frage, ob Ivo mich wohl bald anruft, um mir zu sagen er habe den Zug verpasst, sehe ich ihn mit seinem Blindenhund Gozo mir entgegenlaufen. Ivo schmunzelt und erzählt, er hätte den falschen Abzweiger im Bahnhof genommen. Da wird mir bewusst wie einmal falsch abbiegen, eine Gleisänderung oder eine unerwartete Sperrung für blinde Personen schnell zu einer grossen Herausforderung werden können. Ivo probiert seine Besuche in der Stadt gerade auch deshalb bewusst ausserhalb der Stosszeiten zu planen und möglichst viele Informationen im Voraus zu erhalten.

Duftende Holzbrücke
Ich möchte besser verstehen, wie blinde Personen eine Stadt wahrnehmen. Wie es für sie ist, auf Reisen oder neue Orte zu entdecken. Auf dem Weg zum Bronze Relief erfahre ich, dass die älteste Holzbrücke Europas einen ganz eigenen Duft hat. Der Geruch von Holz, die Art der Überdachung, die Nähe der Leute und die Umgebung des Wassers geben der Kapellbrücke eine einzigartige Symbolkraft. Den achteckigen Wasserturm als Mandelgebäck oder als Schoggi zu ertasten, ermöglicht das Wahrzeichnen bewusst wahrzunehmen.

Einmal Geschmackserlebnis bitte schön
Dass Ivo leidenschaftlicher Skitourengänger und Jogger ist, merke ich schnell an seinem Lauftempo. Pause machen wir nur, wenn Gozo die Spuren eines anderen Hundes riecht, sein Geschäft erledigen muss oder etwas zu Essen braucht. 😄 Wir gehen also schnellen Schrittes in Richtung Ampersand. Da Blindenhunde in der Schweiz nicht als Haustiere gelten, sondern als medizinisches Hilfsmittel, dürfen sie in jedes Restaurant, trotz allfälligen Hundeverbots. Beim Ampersand wird Gozo sogar mit einem Napf Frischwasser begrüsst. Für uns gibt es einen leckeren Salat zur Vorspeise und ein feines Stück Rindsfilet von der Region. Für das Aufgabeln der Salatblätter setzt Ivo gekonnt ein Stück Brot ein. Ich würde behaupten, sein Teller war besser ausgegessen als meiner. Auch beim Hauptgang war ich von seinen Tricks beeindruckt – das Fleisch diente als Saucenausputzer, die Karotten wurden gekonnt mit Mais aufgegabelt und am Schluss folgte mit der Gabel eine 8-förmige Bewegung, ob alles weggeputzt ist.

Zu Ivos Lieblingsorten in der Stadt Luzern gehören das Café Mille Feuille am Mühleplatz und die Nähe zum Wasser, weil man dort das pulsierende Stadtleben spürt und das Rauschen der Reuss hört. Was mich überraschte war, dass auch die Sicht von oben auf die Stadt ein Highlight für ihn ist. Nebst von den Rooftopbars der Stadt erkundet er die Stadt auch gerne von der Museggmauer aus. Für unsere Verabredung heute habe ich mir jedoch einen anderen, speziellen Ort ausgesucht.

Nächster Halt: Gletschergarten
Der denkmalgeschützte Aussichtsturm des Gletschergartens ragt elf Meter über der Stadt. Dank des neuentwickelten Audio-Guides auf der App Musivus bietet der Gletschergarten für blinde Personen eine spannende Art den Gletschergarten von Urzeit bis in die Gegenwart zu entdecken. Da Ivo erst als Erwachsener die Sehkraft sukzessiv verloren hat, lernte er nie die Blindenschrift. Audio-Guides wie dieser sind für ihn der perfekte Begleiter bei einer Stadterkundung oder Museumsbesuch.

Dass die Attraktion Gletschergarten nur aus einem Zufall entstanden ist, hören wir über die Kopfhörer. Josef Wilhelm Amrein-Troller träumte nämlich im 19. Jahrhundert von einem kühlen Weinkeller für seine edlen Tropfen. Doch im einstigen Steinbruch schlummerte ein wahrer Schatz. Die Gletschertöpfe am Eingang des Museums erzählen die vollständige Geschichte.

An der Sonne gibt’s noch ein Espresso und dann heisst es für uns wieder getrennte Wege gehen. Beim Begleiten von Ivo und Gozo an die Bushaltestelle lerne ich, dass Blinde bei den Leitlinien ganz vorne der Buskante auf den Bus warten. Die vorderste Tür bei den vbl Bussen ist nämlich nicht am automatischen Türschliessystem angeschlossen und kann daher vom Fahrpersonal manuell bedient werden.
Wieder alleine auf dem Rückweg merke ich, wie ich die Fassaden der Häuser, die Farben und das Sonnenlicht so richtig wahrnehme. Der Einblick in das Leben von Ivo hat mir gezeigt, wie oft ich meine Sinne im Alltag unbewusst ausblende. Ivos Gelassenheit, sein Humor und die Selbstverständlichkeit, mit der er Herausforderungen begegnet, haben mich tiefst beeindruckt. Von diesem Tag nehme ich nicht nur spannende Fakten über Luzern mit, sondern vor allem, dass ein «Blindflug» manchmal mehr sehen lässt, als man denkt.
Welchen Geschmack verbindest du mit Luzern? Ich bin ich gespannt, wie du die Stadt wahrnimmst oder was dich bei der eigenen Erkundung beschäftigt.
Bis zum nächsten Mal bei einem Schwatz am Bronze Relief, bei einem Glas Wein im Alpineum oder wieder hier im Blog.
Love, Chiara
Wusstest du, dass rund 377`000 Personen von einer Sehbehinderung in der Schweiz betroffen sind. Dies entspricht über 4% der Schweizer Bevölkerung. Davon sind etwa 50`000 blind, was bedeutet, sie können in den täglichen Situationen ihre Sehkraft nicht nutzen.
Weitere Informationen & Links:
- Weitere Angaben zur Barrierefreiheit in der Schweiz: OK:GO Übersichtskarte
- Insidertipps und Fragen rund um die Erlebnisregion Luzern-Vierwaldstättersee? Tourist Information im Bahnhof Luzern Gleis 3

Gast-Bloggerin: Chiara findet ihre Inspiration in der Natur und liebt es, durch ihre Heimatstadt zu schlendern und sich immer wieder zu hinterfragen, was sie als Nachhaltigkeitsverantwortliche bei Luzern Tourismus noch weiter optimieren kann.

