
Manchmal braucht die Seele etwas Natur. Und manchmal grosse Glubschaugen. Beides findet Mensch auf dem Hof Haselrain in der Region Sempachersee, wo die Familie Stocker Spaziergänge, Apéros und «Gschechtliziit» mit ihren Alpakas anbietet.
Bei meiner Ankunft auf dem Hof Haselrain bei Oberkirch brauche ich keine fünf Minuten, um die flauschigen Superstars dieses Blogausflugs auszumachen. An einem Grashalm kauend (very demure) und mit prüfendem Blick mustert mich ein weisses Alpaka aus sicherer Distanz von oben bis unten.

Bevor ich einen prüfenden Blick zurückwerfen kann, biegt bereits Sandra Stocker um die Ecke, gefolgt von ihren drei Kindern Daniel, Melanie und Joel, wiederum gefolgt von Hofhund Kiano. Wir begrüssen uns herzlich, und ich merke, dass heute alle etwas aufgeregt sind. Allen voran Hofhund Kiano der genau weiss, wenn Besuch auf den Hof kommt, bedeutet das meist, dass er die Alpakas auf einen Spaziergang begleiten darf.
Er hat nicht unrecht.


Keine Brüder, dafür eine Boyband
Während die Kinder mit Kiano im Garten herumtollen (Kiano bedeutet auf Kenianisch «Wirbelwind» und ich finde, die Familie hätte keinen passenderen Namen finden können), erzählt mir Sandra vom neusten Familienzuwachs auf dem Haselrain.

«Im Mai 2025 sind die drei Alpaka-Jungs Jamie, Capelco und Macau bei uns eingezogen.» Die zweijährigen Hengste seien zwar keine Brüder, aber trotzdem ein unzertrennliches Trio, das absolut alles miteinander unternehmen möchte.

Dank meiner bisherigen Erfahrungen mit Neuweltkameliden (sorry, aber was für ein lustiges Wort, um die Gruppe der Kleinkamele aus Südamerika zusammenzufassen?) weiss ich ungefähr wie Lamas und Alpakas ticken. Zum Beispiel, dass sie eigentlich nur bei Futterneid oder im Stress spucken. Wer also plötzlich ein grünlich-klebriges Amuse-Bouche zwischen die Augen serviert bekommt, hat vermutlich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gestanden.

Butterweich und unkompliziert
Auf dem Weg zur Alpakaweide erklärt mir Sandra, dass es auch durchaus Unterschiede zwischen den niedlichen Paarhufern gibt. So sind Lamas beispielsweise grösser und schwerer, während Alpakas nicht nur hervorragende Rasenmäher sind, sondern dank ihrer zarten 50 bis 60 Kilogramm und ihren «butterweichen» Füssen deutlich leichter und damit schonender für den Boden sind.

Das Gewicht war einer der Gründe, weshalb sich die Familie für Alpakas entschieden hat. «Lamas? Zu gross. Ziegen? Die meckern zu viel. Schafe? Da h hat mein Mann Roli sofort interveniert aus früherer Erfahrung mit Schafen auf dem Hof. Alpakas sind einfach zu halten, brauchen keinen Stall, sondern lediglich einen Unterstand, und sind hervorragende Heuverwerter. Denn davon hatten wir mehr als genug», fasst Sandra die Überlegungen der Familie zusammen.

Kaum erreichen wir die Weide, strecken uns die drei Boys bereits neugierig ihre Köpfchen entgegen. So mit dem kecken Haarschnitt erinnern sie mich tatsächlich ein wenig an eine Boyband. Charakterlich sind Alpakas ein Paradoxon auf acht Zehen: Einerseits sind sie ausgesprochen neugierige Wesen, andererseits als Fluchttiere von Natur aus vorsichtig und sehr schreckhaft.

Choose your character
Das weisse Alpaka kann ich mir leicht merken – ist es doch das einzige weisse im Trio. Jamie ist der Chiller der Truppe, der Sunnyboy vom Dienst. Am liebsten liegt er flach wie eine Flunder in der Sonne, sodass Spaziergänger:innen regelmässig anhalten, um zu prüfen, ob der Sonnenanbeter tatsächlich noch atmet.

Bei den beiden schwarzen Alpakas wird die Zuordnung schon etwas kniffliger, doch auch hier hat Sandra ein Erkennungsmerkmal: «Capelco ist derjenige mit den braunen Öhrchen.» Nebst seiner neugierigen Art sei er ein echter Lausbub und eine absolute Dramaqueen, wenn es ums Schären oder Nägelschneiden geht. Damit ihr euch das Ausmass an Drama vorstellen könnt: Der Nachbar habe bereits rübertelefoniert und nachgefragt, ob Capelco gerade gemetzget werde – so wie der herumschreie.
Der letzte der drei Musketiere ist Macau. Als stiller Beobachter bringt er etwas Ruhe in die Herde, muss aber die eine oder andere Neckerei seiner Artgenossen einstecken.


Rein ins Gstältli
In etwa so starten die Alpaka-Spaziergänge, welche die Familie Stocker auf dem Haselrain anbieten. Sandra erzählt etwas über das Wesen der Tiere, anschliessend geht es zu ihnen auf die Weide, um sich gegenseitig zu beschnuppern und ihnen Leckerlis zu verfüttern. Aber Vorsicht: Wer zu ruckartige Bewegungen macht, schreckt die scheuen Tiere sofort auf. Sandra schätzt die Alpakas für ihre ruhige Art und meint: «Sie lehren uns achtsam zu sein, herunterzufahren und nicht im Stress zu handeln.»



Die Kinder machen es vor und ich gleich nach. Schön das Leckerli in der Mitte der Handfläche positionieren und flach ans weiche Maul des lippenleckenden Alpakas halten. So wie bei den Pferden, denke ich mir. Als hätte ich je in meinem Leben ein Pferd gefüttert. Aber machen wir dieses Fass jetzt nicht auch noch auf.

Jetzt, wo die Tiere in die bestmögliche Laune versetzt worden sind, geht es ans Eingemachte und an den anspruchsvollsten Teil der ganzen Übung: den Alpakas ein Gstältli überziehen, damit wir mit ihnen an der Leine spazieren gehen können.

Doch Sandra und die Kids sind ein eingespieltes Team. Hochkonzentriert treiben sie die drei Jungs in eine Ecke, packen sie mit geübtem Griff am Hals und befestigen das Gstältli mit zwei drei Handgriffen. Während Jamie und Macau die Prozedur über sich ergehen lassen, ohne mit der langen Alpaka-Wimper zu zucken, mault Capelco in typischer Capelco-Manier sichtlich unerfreut in der Gegend herum.


Mitten in der Pubertät
So schnell wie der Spuk gekommen war, ist er auch wieder vorbei und wir starten unseren Spaziergang. Je nach Gruppe bietet die Familie eine kürzere oder längere Route von einer bis eineinhalb Stunden an. So oder so führen beide Wege durch die malerische Hügellandschaft rund um den «Obercheler-Berg» und den Golfpark.


Dass sich die drei Alpakas mit ihren zwei Jahren mitten in der Pubertät befinden, fällt besonders während des Spaziergangs auf. Die Jungs können es schlicht nicht lassen, sich gegenseitig zu necken und zu piesacken. Als wäre das nicht genug, ist auch Hofhund Kiano mit seinen zwei Jahren im besten Teenagealter angekommen und wuselt wie ein Duracell-Häsli quer durch die Landschaft. Ich merke: Ich bin umzingelt von pubertierenden Jungs.

Teamausflüge – flauschig bis kulinarisch
Wer seinen Aufenthalt auf dem Haselrain noch kulinarisch abrunden möchte, kann dies im Anschluss bei einem leckeren Zvieri, Apéro und/oder einer Weindegustation machen. Die Familie Stocker besitzt nämlich neben ihren drei Alpaka-Boys, Kaninchen und Rindern auch einen Weinberg mit rund 2400 Rebstöcken, die an schönster Lage über dem Sempachersee in die Sonne blinzeln.

Aus den Sorten Pinot Noir, Garanoir und Pinot Gris produziert die Familie tolle (Schaum-)Weine aus der Zentralschweiz, die natürlich auch alle im Hoflädeli erhältlich sind. Ein tierischer Spaziergang in der Natur und anschliessend noch etwas lokalen Wein mit Seeblick in den Rachen träufeln? Wenn sich das nicht nach dem perfekten Vereinsausflug oder Teamanlass anhört, dann weiss ich auch nicht.


Von Tiergeschichten und echten Tieren
Bei den kleinen Gästen ist die «Gschechtliziit» der Renner. Gemeinsam mit Sandra hocken sich die Kinder auf die Alpakaweide und lauschen den Tiergeschichten, die Sandra ihnen vorliest. Neugierig, wie die Alpakas nun einmal sind, gesellen sie sich irgendwann dazu, knabbern am ausgestreuten Heu und lassen sich von den Kindern Leckerlis verfüttern.

«Die Begegnung mit den Tieren ist ein super Learning für die Kinder» schwärmt Sandra während unseres Spaziergangs, während ich akrobatisch Jamie in einer Hand an der Leine führe und mit der anderen versuche, Fotos zu knipsen.


«Die Kinder lernen, ruhig zu sein und Geduld zu haben. Die Alpakas kommen auf sie zu – nicht umgekehrt. Umso grösser ist das Erfolgserlebnis, wenn sich eines der Tiere tatsächlich nähert und das Leckerli vorsichtig aus der schüchtern ausgestreckten Kinderhand schnabuliert.»
Auch Kindergeburtstage dürfen auf dem Haselrain gefeiert werden. Mit dem grossen Garten, dem Brunnen und den unzähligen Möglichkeiten zum Spielen, Entdecken und Herumtollen bietet der Hof die perfekte Kulisse für Festlichkeiten mitten in der Natur.


Pläne für die Zukunft
Während ich auf dem Rückweg immer noch Sunnyboy Jamie hinter mir herziehe, der langsam seinen inneren Badboy rausholt und anfängt Macau zu zwicken, möchte ich von Sandra wissen, welche Zukunftspläne sie für sich und den Haselrain hat. «Aktuell mache ich eine Weiterbildung in tiergestützter Therapie, um künftig mit Tieren und Kindern arbeiten zu können. Das würde mich sehr erfüllen», erzählt Sandra und ergänzt: «Ausserdem möchte ich einen eigenen Shop aufbauen – mit Produkten aus Alpakawolle, beispielsweise Kappen oder Stirnbändern. Ich lieeebe alles aus Alpakawolle.»

Mit diesen Worten kehren wir auf den Hof zurück, nehmen den Alpakas die Gstältli wieder ab und lassen alle zweibeinigen und vierbeinigen Beteiligten in alle Himmelsrichtungen davon düsen. Während die Alpaka-Boys sich wieder zurückziehen, drücken mir die Kinder noch eine Handvoll frisch gepflückter Kirschen für den Heimweg in die Hand.

Ich bedanke mich herzlich bei der ganzen Familie und verabschiede mich auch von Jamie, Capelco und Macau. Zu meiner Freude wird mein Handkuss aus der Ferne sogar mit einem kecken Zwinkern der Boys erwidert. Wenn es ein Poster ihrer Boyband gäbe, ich würde es mir definitiv übers Bett hängen.

Weitere Informationen & Tipps
- Alpakazeit auf dem Hof Haselrain
- Mehr Impressionen von den Alpaka-Boys
- Weinbau Haselrain
- Weitere Erlebnisse in der Region Sempachersee
- Die Region Sempachersee ist eine von vier Tourismusregionen der Luzerner Landschaft. Spannendes zu entdecken gibt es auch in den Regionen UNESCO Biosphäre Entlebuch, Seetal und Willisau: www.luzern.com/luzern-land

