
Wenig Menschen, viele Bergseen. Alpine Landschaft, gemütliche Berghütten. Im Interview erzählt die Weitwandererin und Buchautorin Christina Ragettli, warum der Gotthard-Kristall-Trek unbedingt auf die «Must Do Liste» der Schweizer Weitwanderungen gehört.

Christina, du bist mittlerweile eine der bekannten Stimmen im Schweizer Wanderbereich. Was muss eine Weitwanderung für dich mitbringen, damit sie perfekt ist?
Da habe ich eine klare Vorstellung. Am wichtigsten: ich schätze es, wenn man beim Wandern seine Ruhe hat, Energie in der Natur tanken kann und sich nicht an Insta-Hotspots orientiert. Dann: viele Bergseen. Täglich ins kalte Wasser zu springen macht mich wirklich sehr glücklich, vor allem an heissen Sommertagen. Aber auch charaktervolle, mit Herzblut bewirtschaftete Berghütten dürfen nicht fehlen. Die Landschaft darf gerne alpin sein, etwas karg und schroff. Im Idealfall mit einem Hauch Abenteuer, also auch mal ein blau-weiss markierter Wanderweg-Abschnitt, für ein bisschen Adrenalin. Bonus: eine gute ÖV-Erreichbarkeit, macht es einfach unkompliziert. Und weil ich die Schweiz so unfassbar schön finde, liebe ich es die Alpen direkt vor der Haustüre zu erkunden, ohne lange Anreisen oder gar Flüge ins Ausland. Für mich hat das Erkunden meines Zuhauses, damit meine ich die ganzen Alpen, einen unglaublich grossen Reiz!
Gibt es eine Route, die genau diese Kriterien erfüllt, hast du einen Tipp für alle, die das ebenfalls so sehen?
Ja, absolut: den neuen Gotthard-Kristall-Trek. In 6 Etappen geht es über 87 Kilometer und knapp 7’000 Höhenmeter von Andermatt zum Oberalppass. Die Route führt durch die Kantone Uri, Tessin und Graubünden, mitten durch die Regionen Andermatt, Sedrun und Disentis. Man wandert über einsame Pässe, vorbei an unzähligen Bergseen, übernachtet in herzigen Berghütten und trifft wenig andere Wandernde. Der Name «Kristall» kommt nicht von ungefähr: Die Region ist bekannt für ihre Bergkristalle und ich habe immer wieder kleine Kristalle direkt am Wanderweg entdeckt. Dazu glitzert das Wasser der Bergseen so kristallklar, dass der Name doppelt passt. Die ÖV-Anreise direkt nach Andermatt ist sehr unkompliziert, die Rückfahrt ab Oberalppass auch.

Was war deine Lieblingsetappe und warum?
Schwierig, ich kann mich fast nicht entscheiden. Besonders positiv in Erinnerung habe ich die zweite Etappe, vom Gotthardpass zur Vermigelhütte. Das Highlight auf dieser Etappe ist das «Vorderi Loch» auf über 2’600 Metern: drei türkisblaue Bergseen, eingebettet in Felsbrocken, damals noch mit Restschnee am Ufer und keine Menschenseele weit und breit. Natürlich musste ich dort baden gehen!

Etappe 4 mit dem Hexensee «Lai dalla Stria» und der Etzlihütte inklusive Hot Tub liegt knapp dahinter. Ein weiterer grosser Pluspunkt bei der Etzlihütte ist für mich nicht nur das leckere Essen und die überaus herzliche Bewirtung, sondern auch Findus, der Hüttenkater.

Info: Die Etzlihütte ist im Sommer 2026 für Tagesgäste geöffnet. Wegem de dem Hüttenumbau sind Übernachtungen nicht möglich. Es empfiehlt sich deshalb im Sommer 2026 bis zur Treschhütte zu wandern.
Als drittes Highlight würde ich den abenteuerlichen Abstecher auf den Piz Cavradi oberhalb der Maighelshütte noch erwähnen.
Wann ist die beste Zeit für den Trek?
Je nach Schneelage von Anfang Juli bis Ende September. Vorher liegt oft noch zu viel Schnee auf den Passübergängen, gerade an den blau-weissen Stellen wäre das nicht wünschenswert. Im Hochsommer ist es zwar warm, aber die Bergseen kühlen den Körper nach einem strengen Tag verlässlich wieder runter. Ich wanderte die Strecke in den Schweizer Sommerferien und trotzdem, hat man das kaum bemerkt. Man wandert abseits des Trubels auf wunderschönen Wegen.
Was muss man beachten und was darf auf keinen Fall im Rucksack fehlen?
Man braucht eine gute Kondition und sollte sich auf alpinem Gelände wohlfühlen. Einzelne Abschnitte sind blau-weiss markiert (T4) und mit etwas Erfahrung absolut machbar. Sie sind nicht sehr anspruchsvoll. Höchstens die Orientierung, hätte es beispielsweise Nebel, ist etwas fordernder. Mit einer guten Karten-App und im Offline-Modus heruntergeladenen Routen-Daten ist aber auch das kaum ein Problem. Da man die Nächte in Berghütten verbringt, ist bei mir der Hüttenschlafsack und mein leichter E-Book Reader im Rucksack. Auch dabei haben sollte man seine Badesachen (es geht natürlich auch «blutt») und genügend Sonnencreme! Gute Wanderschuhe für die alpinen Stellen, eine zuverlässige Regenjacke sowie genügend Wasser für die längeren Etappen gehören natürlich auch dazu.


Und wie endet der Trek? Was machst du nach 6 Wandertagen als Erstes?
Der Trek endet am Oberalppass auf 2’046 Metern, beim einzigen Leuchtturm der Alpen. Er steht symbolisch für die Rheinquelle, sein Original-Gegenstück findet man in Rotterdam, wo der Rhein ins Meer mündet. Den am Oberalppass, genauer gesagt am Tomasee, oberhalb der Maighelshütte, entspringt der Rhein. Es ist schon faszinierend daran zu denken, dass ein Regentropfen am Oberalppass in weniger als 30 Tagen ins Meer fliesst.


Mein erster Stopp nach der Wanderung: das beliebte Restaurant Alpsu direkt auf dem Pass. Dort gibt es anscheinend die beste hausgemachte Cremeschnitte der Region – wurde mir gesagt! Nach 6 Wandertagen hat man sich diese absolut verdient. Auf der Terrasse hat man nochmals Zeit, die schönen Wandertage Revue passieren zu lassen und direkt die nächste Wanderung zu planen.
Infos & Tipps zum Gotthard-Kristall-Trek
- Route: Andermatt → Oberalppass, 6 Etappen, 87 km, ca. 7’000 Hm Aufstieg, ca. 35 h Wanderzeit
- Schwierigkeit: T2/T3, einzelne blau-weiss markierte Abschnitte, gute Kondition und alpine Erfahrung empfohlen
- Beste Zeit: Anfang Juli bis Ende September (je nach Schneelage)
- Übernachtung: Ospizio San Gottardo, Vermigelhütte SAC, Mountain Lodge, Etzlihütte SAC (Achtung: Sommer 2026 Umbau, ggf. direkt zur Treschhütte weiterwandern), Treschhütte SAC
- Pflicht im Rucksack: Badehose, Sonnencreme, gute Wanderschuhe, Regenjacke
- Anreise: ÖV bis Andermatt, Rückreise ab Oberalppass mit der Matterhorn Gotthard Bahn
- Mehr Infos & GPS-Tracks: wildmountainheart.ch sowie auf der Website von Andermatt-Urserntal Tourismus

Gast-Bloggerin: Christina Ragettli
Weitwanderin, Buchautorin und Gastgeberin des Podcasts «Wild Mountain Heart». Aufgewachsen in Flims, Graubünden, fühlt sich wohl, überall, wo es Bergseen gibt. Auf wildmountainheart.ch teilt sie Routen und Geschichten von ihren Touren, die am liebsten mehrere Tage lang sind.

