Alleine unterwegs auf dem «Tell-Trail» – Etappe 2 (Muotatal, Stoos, Brunnen)

Kategorien Natur, Regionen, Schwyz, Sport, Wandern

Endlich kann ich ihn ausprobieren, den neuen Fernwanderweg «Tell-Trail», der in acht Etappen durch die Region Luzern-Vierwaldstättersee führt. Ich entscheide mich für die zweite Etappe und wandere von Muotatal bis nach Brunnen. So lautete jedenfalls der Plan.

«Ich kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann.» Der dänische Theologe Søren Kierkegaard hat richtig erkannt: Wer von zu vielen Gedanken geplagt wird, kann diese bei einer Wanderung erfolgreich vertreiben. Auch mir schwebt etwas in dieser Richtung vor, als ich mich frühmorgens auf den Weg ins Muotatal mache. Hier startet die zweite Etappe des Tell-Trails und führt via Stoos, Klingen- und Fronalpstock nach Brunnen.

Am Vorabend meines Wandertages hatte ich noch einen kleinen «Streit», der mir noch immer im Kopf herum spukt. Ich bin also froh, den heutigen Tag an der frischen Luft verbringen zu können und die Gedanken dabei etwas zu ordnen.

So steige ich nun aus dem Postauto und finde mich inmitten des Dorfes Muotathal wieder. Sogleich werde ich freundlich gegrüsst von einem älteren Herrn. Als ich um die Ecke bog, um mir den Lageplan genauer anzuschauen, grüsst mich auch hier eine junge Frau mit einem freundlichen «Hallo». So fühlt man sich doch gleich wohl, hier im schönen und sonnigen Muotathal.

Schönstes Wetter in Muotathal.

Und los geht die Etappe 2

Nach einem letzten Check, ob alle Schnallen am Rucksack sicher verschlossen sind, geht es los. Ich starte mit der zweiten Etappe des Tell-Trails. Der Weg führt mich immer näher an ein klares Rauschen heran. Und da erblicke ich sie, die Muota, der 30 Kilometer lange Fluss des Muotatals. Das Wasser ist sehr klar und schimmert blau-grün. Von hier aus folge ich dem Wasser flussabwärts.

Das klare Wasser der Muota leuchtet türkis-grün.
Auch hier grüsst bereits der Herbst.
Der Weg führt an Kühen, Weiden und schönen Höfen vorbei.

Der Weg ist zwar gut gepflegt und einwandfrei begehbar, mir persönlich liegt er jedoch etwas zu nahe an der Strasse. So bin ich froh, als ich nach gut einer Stunde Marschzeit in die Nähe eines kleinen Waldabschnittes gelange, das von Wiesen und Bauernhöfen umgeben ist.

Ich bin auch froh um den Schatten der Baumkronen. Denn während des ersten Abschnitts brennt mir die Sonne erbarmungslos auf den Scheitel. Ich geniesse den Duft und die kühle Luft im Wäldchen – doch leider nur für kurze Zeit. Nach diesem Abschnitt und einer weiteren, kurzen Waldböschung geht es wieder weiter in Richtung Hauptstrasse. Ob ich noch richtig bin?

Endlich gibt’s Schatten im nahenden Waldabschnitt!

Ich glaube nicht. Plötzlich stehe ich an der Strasse und sehe weder links noch rechts einen Gehweg. Auf der anderen Seite der Muota weiterzugehen, ist keine Option. Denn von da aus käme ich nicht mehr zur Talstation der Stoosbahnen. Ich bin wohl irgendwo falsch abgebogen.

Ich inspiziere die gegenüberliegende Bushaltestelle und halte nach möglichst sicheren Wegen Ausschau, als der Bus zufährt und neben mir anhält. «Das ist wohl ein Wink des Schicksals», denke ich und steige kurz entschlossen ein. Im Null-Komma-Nichst finde ich mich vor der Talstation wieder und sehe schon von weitem die berühmten gelben Kabinen der steilsten Standseilbahn der Welt.

Der Ausblick während der Fahrt mit der Standseilbahn ist traumhaft.

Mit Bahn und Lift hoch hinaus

Im Bergdorf Stoos angekommen führt ein kurzer, aber schweisstreibender Fussmarsch weiter bis zur Sesselbahn auf den Klingenstock. Die Fahrt mit dem Sessellift hat etwas beruhigendes und bringt meine kreisenden Gedanken endlich zur Ruhe. Fröhlich blicke ich von oben auf die vielen Kühe, die hier auf der Alp die Spätsommer-Sonne geniessen. Oben angekommen verschlägt es mir dann gleich die Sprache: Eine solch tolle und weitsichtige Aussicht auf die Alpen habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Alleine vor solch einer Kulisse zu stehen, raubt einem glatt den Atem.

Mit mir sind noch zahlreiche weitere Gäste auf der Gratwanderung unterwegs. Nichtsdestotrotz geniesse ich den sicheren Weg über Stock und Stein auf plus minus 1’800 Metern über Meer. Dem Vierwaldstättermeer. Das klare Blau erstrahlt auf der linken Seite, zu meiner rechten thronen Grosser und Kleiner Mythen. Das Wolkenhütchen, das über den beiden Bergspitzen hängt, sieht toll aus und wird sogleich von meiner Kamera eingefangen.

Grosser und Kleiner Mythen haben heute ein Hütchen auf.
Dieser Weg liegt noch vor mir.

Ein auf und ab in luftiger Höhe

Der Weg führt hoch und runter. Auf dem Weg sind viele Treppenstufen eingearbeitet, die den sicheren Tritt unterstützen. Ich bin nun seit gut 3 Stunden unterwegs und in meinem Kopf breitet sich langsam eine angenehme Klarheit aus. Doch dann meldet sich mein Bauch mit einem lauten Grummeln. «Zeit für ein Päusli» will er mir sagen.

Auf der nächsten Kuppe entdecke ich ein schönes Bänkli, von wo aus man eine atemberaubende Rundsicht hat (die Aussicht ist aber während der gesamten Gratwanderung toll). Ich setze mich zu einem älteren Pärchen und plaudere über die Wanderung und das schöne Wetter. Während ich genüsslich mein Mutschli mit feinem Alpkäse mampfe (wie ein waschechter Tell), fliegen über mir einige Dohlen umher. Sie sind keineswegs menschenscheu und erhoffen sich wohl, einen Bissen meines Vespers abzukriegen.

Nach einem Schluck Wasser gegen den Durst verabschiede ich mich von den Wanderkameraden und ziehe weiter in Richtung Fronalpstock. Mir kommen drei junge Männer entgegen – völlig ausser Puste. Sie wandern in entgegengesetzter Richtung und das auf und ab der Gratwanderung hat es wirklich in sich. «Ich bin ja richtig fit», denke ich mir, als ich frisch und fröhlich an den jungen Männern vorbeilaufe. Doch mir schwirrt bereits der letzte Abschnitt der Gratwanderung im Kopf herum, denn der hat es laut Höhenprofil in sich.

Zuversichtlich bahne ich mir den Weg vom Klingenstock zum Fronalpstock und erfreue mich am Panorama.

Batterie bald leer, Beine schon schwer

Ich muss zugeben: Würde ich nicht gefühlt alle 10 Meter für ein Foto anhalten, wäre ich ganz bestimmt schneller unterwegs. Doch die Weitsicht ist einfach ZU schön. Langsam werden die Beine schwerer – kein Wunder, nach gut 4 Stunden Wanderzeit. Und das mit Stativ, Kamera, Ersatzobjektiv, GoPro und Verpflegung auf dem Rücken.

Der Weg führt nun auf der linken Seite des Huserstocks vorbei. Auf geschlängeltem Weg geht es abwärts, das saphriblaue Wasser des Vierwaldstättersees glitzert wie ein echter Edelstein. Um mich herum sehe ich keine weiteren Wanderer mehr – bin ich noch richtig? Da es der einzige Weg ist, den ich aktuell gehen kann, gehe ich voller Vertrauen einfach mal weiter…

Da ist er, der schöne Vierwaldstättersee!

…und bin froh, als ich hinter mir einige Wanderer entdecke. Bei jedem Schritt nach unten denke ich: «das muss ich nachher alles auch wieder hoch». Mein Wasservorrat schwindet langsam. Ich komme am tiefsten Punkt der Wanderung an, ziehe an einem Grüppchen dösender Kühe vorbei und mache mich an den letzten, steilen Abschnitt der Gratwanderung.

Schritt für Schritt die letzte Etappe hoch

Vor mir geht es steil hinauf, ganz anders, als auf dem Höhenprofil eingezeichnet. Doch jammern bringt nichts, denn den Fronalpstock muss und will ich sicher noch erreichen. Gemächlich trete ich den Anstieg an. Mir kommen zwei Hunde und ihre Besitzer entgegen (es sind im Allgemeinen sehr viele Vierbeiner unterwegs), weiter oben macht ein Grüppli eine Pause.

Nach rund 50 Minuten habe ich ihn endlich erreicht, den Fronalpstock! Wow! Die Weitsicht ist bombastisch. Die umliegenden Seen glänzen, langsam ziehen Dunstwolken auf. Die vielen Besucher – ob Wanderer oder Bähnli-Fahrer – schiessen Fotos ohne Ende. Meine Kamera bleibt nach einem obligaten «Ziel-Foto» (als Beweis) jedoch im Rucksack. Mit müden Beiden, einem leeren Kopf und einem lächelnden Gesicht stehe ich da und lasse die Bergwelt auf mich wirken. Hier ist es schön.

Glücklich und erschöpft geniessen diese Wanderer die Aussichtsplattform auf dem Fronalpstock.

Ich bin jetzt bereits fünf Stunden unterwegs. Laut Plan wäre jetzt die Fahrt mit dem Sessel- und der Luftseilbahn bis zur Schwyzerhöhe. Von da aus würde nochmals eine sechs Kilometer lange Wanderung bis nach Brunnen folgen.

Neuer Plan, neues Ziel

Schweren Herzens entscheide ich mich dafür, die Route abzukürzen und auf direktem Wege zur Talstation der Standseilbahn Stoos zu begeben. So habe ich zwar nicht die gesamte Etappe 2 des Tell-Trails hinter mich gebracht, Wilhelm Tell wäre aber sicher trotzdem stolz auf mich. Und wenn schon – ich bin es einerlei.

Die Fahrt mit der steilsten Standseilbahn der Welt ist ein besonderes Highlight der Etappe 2.

Müde, aber glücklich, «fliege» ich nach Stoos und weiter mit der steilen Standseilbahn nach unten ins Tal. Ein toller Tag mit vielen Eindrücken, netten Bekanntschaften und ganz viel Schweiss. Ich würde es wieder tun.


Weitere Links und Tipps

Der neue Fernwanderweg «Tell-Trail» führt in acht Etappen durch die malerische Zentralschweiz von Altdorf aufs Brienzer Rothorn. Viele Etappen sind bis im Oktober begehbar, bitte vor Abmarsch die Wetter- und Weg-Verhältnisse überprüfen. Der Alpbetrieb wird auf einigen Etappen (z. B. Etappe 5) ab Ende September eingestellt.


Auf Wanderschaft in der Region Luzern-Vierwaldstättersee

Honigernte bei den Bienen oder Nachtbaden im Sempachersee – solche Abenteuer gehören für Franziska zum Jahresablauf dazu. Mit Hilfe von Bild, Text und Ton berichtet sie gerne über ihre Erlebnisse in der freien Natur und lässt sich dabei von der Schönheit der Zentralschweiz bezaubern.

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