«Auf dem Holzweg» (aber mit richtigem Ziel): Im Schreinerkurs zum eigenen Möbelstück

Kategorien Biosphäre Entlebuch, Menschen, Regionen, Tradition

Eigentlich beschreibt das Sprichwort einen Weg, der nicht zum Ziel führt. Dieser Holzweg hier aber schon – dank dem Wegbereiter Paul Bussmann, Naturholzschreiner aus Berufung. Im fünftägigen Schreinerkurs der UNESCO Biosphäre Entlebuch führt mich Paul über den Holzweg und begleitet mich zielsicher bis zum selber hergestellten Möbelstück. Hast du auch Lust, mal selber etwas zu kreieren? Dann bis im Oktober!

Zugegeben, ein bisschen gelogen ist die Einleitung schon, denn manchmal war ich trotzdem auf dem Holzweg gemäss Sprichwort. Warum? Weil ich den einen oder anderen Umweg machen musste, bis ich mit Zelebrierung (!) mein neues Möbelstück einräumen konnte. Zum Beispiel habe ich zu Beginn grad schon mal die Pläne falsch gezeichnet. Nämlich dreidimensional – halt so, wie ich mir mein neues Möbelstück auch vorstellte. Mit Engelsgeduld erklärte mir dann Paul, warum man dies nicht so macht.

Konzentriertes und motiviertes Schaffen eines Kursteilnehmenden.

Ein Lehrmeister wie aus dem Bilderbuch

Mit stoischer innerer Ruhe (und äusserlich stets plappernd wie ein Wasserfall) führt Paul uns «Schreinerlehrlinge» durch den Schreinerkus bis zur Abschlussprüfung, in meinem Fall der Erstellung eines Fernsehmöbelis aus Altholz. «Wir» sind ich und meine sechs Gspändli, von welchen zwei nur den Kurz-Kurs machen, also etwas Einfacheres herstellen in zwei Tagen. Lehrzugang hat übrigens nicht Kreti und Pleti, heisst es doch betreffend Anforderungen «Freude am Arbeiten mit Holz, handwerkliches Geschick. Für AnfängerInnen und Fortgeschrittene, die das Arbeiten mit Holz fundiert lernen möchten». Doch nun erst mal von vorne: Per Telefon hat Paul vor Kursbeginn mit allen das gewünschte Möbelstück besprochen und das benötigte Holz in seiner Werkstatt grob zugeschnitten. Bei mir waren dies wunderschöne, «verwetterte» Altholzbretter eines Zaunes, der früher im Garten meines Elternhauses die Abgrenzung zum Nachbarn war. Paul gab mich sogar noch vor Kursbeginn Hausaufgaben: Ich musste die Bretter waschen und bürsten – «damit die Struktur der Altholzfront meines künftigen Fernsehmöbelis so richtig zur Geltung komme». (Zugegeben: Es ist nicht mein erstes Altholzmöbel und ich wusste bereits, wie ich das Holz waschen und bürsten musste.)

Eine Säge ist nicht eine Säge

Zu Beginn jedes Kurstages nimmt uns Paul zur Brust, traditionelles Naturholz-Schreinerhandwerk will schliesslich gelernt sein. Wir beschäftigen uns erst mit verschiedenen Holzarten sowie deren Eigenschaften. Anschliessend lernen wir beispielsweise, dass Altholzbretter verschieden gefasert sind und wie wir dies einplanen müssen, damit sich das Holz nicht «wirft», was soviel bedeutet wie «sich nicht beugt». Und wir erfahren, dass wir je nach Faserung des Holzes eine andere Säge verwenden müssen – eine für den Längs- und eine für den Querschnitt. Eine Säge ist eben nicht eine Säge, das haben wir schnell zu verstehen bekommen. In den ersten Minuten sind wir präsent, hören Pauls Ausführungen konzentriert zu, versuchen im abgegebenen Skript die erläuterten Passagen zu finden und geniessen das eine und andere Aha-Erlebnis. Bald aber macht sich Unruhe breit – wir wollen ans Werk! Paul versteht das (man merkt unweigerlich, dass er kein besonderes Interesse an Papier hat), legt sein Skript zur Seite und die Brille ins Etui (aus Holz, versteht sich).

Hobeln ist Fein- und Fleissarbeit.
Anforderungen an Schreinerlehrlinge: Eine ruhige Hand und präzises Arbeiten.
Im Schreinerkurs lernen Kursteilnehmende, ihr Werk zu reflektieren und selber über weitere Schritte zu entscheiden – in Absprache mit dem Kursleiter.

Der steinige Weg zum eigenen Holzmöbelstück

So mache ich mich also ans Werk und verstehe meine eigens gezeichneten Pläne schon wieder nicht mehr. Hach! Ich lasse sie liegen und widme mich erst mal dem vorbereiteten Altholz, stelle dieses zu passenden Fronten, Seiten und Decken zusammen und kürze wo nötig mit der Kippsäge. Ich, von Grund aus eher ängstlich, muss mich gehörig überwinden, mit diesen Maschinen zu arbeiten, trotz klarer und verständlicher Instruktion durch den Chef. Da ist mir die kleine Lamellomaschine tausend Mal lieber. Mit ihr fräse ich Schlitze für die Lamelloplättchen, anschliessend verleime ich die Bretter miteinander. Zwischenziel erreicht. Wow, eine wunderschöne Altholzfront! Während andere die angeschauten Holzverbindungen anwenden – sie zinken und graten und schnitzen Holznägel – mache ich mich bereits wieder an die Zerstörung des Erschaffenen: Ich zersäge meine sorgfältig zusammengestellte Altholzfront um die gewünschten zwei Türen und zwei Schubladen zu erhalten.

Pauls selber erfundener Werkbank, den er allen Teilnehmenden im Schreinerkurs zur Nutzung zur Verfügung stellt.
Letzter Schliff für ein Nachtmöbeli, unten links und rechts die von Hand erstellten Zinggen.
Leidenschaft und Präzision in einem – Kursleiter Paul zeigt zu Beginn am Morgen wie Seiten fixiert werden ohne die Oberfläche zu verletzen.

Lehrabschlussprüfung – geschafft!

So geht es Schritt für Schritt weiter; wie ich beispielsweise ein Innenleben mit zwei funktionierenden Schubladen hingekriegt habe, weiss ich noch heute nicht so genau. Jedenfalls hat es mein Vorstellungsvermögen und meine Rechenfähigkeiten zünftig auf die Probe gestellt. Zum Glück war ich nur Lehrling! Alle sind wir mit hoher Motivation dabei, nerven sich über kleine und grössere Misserfolge, vergessen trotzdem jeden Abend die Zeit und schieben Überstunden. Aber: Es lohnt sich, denn nach vielen Stunden Arbeit sind wir alle stolze Möbelbesitzer – Bankeigentümer, Nachttisch-Chefs oder Fernsehmöbelihalter.

PS: Danke, Paul! Ich glaube, meine Möblierung ist noch nicht komplett…

Tadaaaa – ich und mein neues Fernsehmöbeli 🙂 !

Schreinerkurs Herbst 2021

Die fünftägigen Schreinerkurse finden vom 4. bis 8. Oktober, resp. vom 11. bis 15. Oktober 2021 in Schüpfheim statt. Gleichzeitig wird ein zweitägiger Kurz-Schreinerkurs angeboten, welcher für den 5./6. Oktober, den 7./8. Oktober oder den 14./15. Oktober 2021 gebucht werden kann. Die Kurse kosten 700 Franken (resp. 300 Franken für den Kurz-Kurs). Dazu kommen die Kosten für das Holz sowie die Werkzeugmiete.

Informationen und Buchung


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Nina arbeitet seit über zehn Jahren in der UNESCO Biosphäre Entlebuch. Sie liebt die Natur und die Bewegung und ist oft auch in der Freizeit im Gebiet unterwegs. Im Sommer zu Fuss oder auf Rädern, im Winter auf Ski – von schmal bis breit, mit oder ohne Felle. Sie liebt die Echtheit der Region und die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort, denn so entsteht Spannendes.

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