Bergsturz als Quelle des Lebens

Kategorien Natur, Schwyz

Der Bergsturz von Goldau 1806 war eine Tragödie. Heute können wir ihm aber auch Gutes abgewinnen. Die Menschen mieden das mit Felsen und Geröll übersäte Gebiet, sodass eine ungewöhnliche Landschaft mit vielen Tier- und Pflanzenarten entstehen konnte. Ich besuchte sie zusammen mit Biologin Christina Ebneter vom Natur- und Tierpark Goldau.

Für die neugierigen Sika-Hirsche habe ich leider keine Zeit. Die Wölfe müssen ohne mich heulen. Und auch beim Schwarzen Alpenschwein und dem Weissen Barockesel kann ich keine Pause machen. Heute führt mich Rangerin Christina Ebneter zu den stillen, unscheinbaren Plätzen im Natur- und Tierpark Goldau. Unser Ziel ist das «Fenster zur Natur».

Barockesel und Hausschweine leben gemeinsam. © Natur- und Tierpark Goldau

«Fenster zur Natur»

Auf dem Weg zur Beobachtungshütte ausserhalb des Tierparks staune ich über die riesigen Felsbrocken im Wald, während Christina sich über Spinnennetze und Vogelnester freut. In der Hütte angekommen, hat Vogelgezwitscher die hellen Kinderstimmen abgelöst. «Einige seltene Vogelarten, wie der Trauerschnäpper brüten wild im Tierpark», erzählt die 30-Jährige.

Christina Ebneter führt Gruppen zur Beobachtungshütte «Fenster zur Natur».

Felsen und Geröll

Auf den ersten Blick sehe ich als Laie auf der anderen Fensterseite Gras, Geröll und Bäume. Doch mit Hilfe von Christina wird es eine Zeitreise durch 200 Jahre. Nach dem Bergsturz 1806 kehrten als Erste die anspruchslosen Gräser zurück, gefolgt von Büschen und Bäumen. Die ersten abgestorbenen Pflanzen bildeten langsam eine dünne Humusschicht, das behagte zum Beispiel den Orchideen.

Felsblöcke liegen auf Wiesen, im Wald, in den Tieranlagen und neben den Spielplätzen

Viele Orchideenarten

Weil ein Teil des Bergsturzgebiets heute Naturschutzgebiet ist, ist Düngen verboten. Zur Freude der Orchideen, die nährstoffarme Böden mögen. Zur Blütezeit im Mai und Juni trifft man deshalb auf dem Wanderweg Bergsturzspur besonders viele BlumenliebhaberInnen an. Sie kommen von weit her, um den Gelben Frauenschuh und andere selten gewordene Orchideen zu betrachten.

Der Gelbe Frauenschuh

Von Christina erfahre ich, dass Naturschutz nicht bedeutet, ein Gebiet sich selbst zu überlassen. Eine Wiese würde sich nämlich im Lauf der Jahrhunderte zu einem dunklen und artenarmen Wald entwickeln. Hauptsächlich deshalb, weil keine Tiergruppen die Natur stören. Keine Wisentherden, die zarte Triebe fressen und junge Bäume zertrampeln. Oder keine Biber, die weiches Holz anknabbern oder durch das Stauen von Flüssen Gebiete überfluten.

Wisent in seinem Gehege in Goldau. Man beachte den aufgeräumten Boden

Naturschützer als natürliche Störer

So übernehmen heutzutage die Naturschützer die Aufgabe der natürlichen Störer. Sie mähen Gras und schichten es auf Tristen auf, um Unterschlupf für Igel und kleine Säugetiere zu bieten und das Ansammeln von nährstoffreichem Hummus zu minimieren. Sie entbuschen die Zone und bilden Asthaufen als Rückzugsgebiet für Mauereidechsen und Schlingnattern. Und sie sorgen dafür, dass die Teiche der Gelbbauchunke regelmässig austrocknen, damit die kleine Unke vor Fressfeinden geschützt ist.

Teiche und Tristen bieten Schlupfwinkel und Lebensraum.

Tiere aus nächster Nähe

Natürlich leben in diesem Gebiet ausserhalb des Tierparks auch wilde Dachse, Rehe, Hirsche, Wildschweine und Füchse. Doch diese tummeln sich vor allem während der Dämmerung vor der Beobachtungshütte. Es braucht daher etwas Glück für gute Beobachtungen. Wer diese Tiere auf Nummer sicher in einem fast natürlichen Umfeld beobachten möchte, schaut sie sich am besten innerhalb des Tierparks an.

Im Natur- und Tierpark Goldau kann man auf 42 Hektaren Bergsturzlandschaft europäische Tiere aus nächster Nähe beobachten. © Natur- und Tierpark Goldau

Infos und Tipps


Manuela schreibt seit dem Jahr 2000 über den Kanton Schwyz. Zuerst als Journalistin, später für Schwyz Tourismus. Allein oder mit ihrer Familie sucht sie nach Neuem, Unentdecktem und Verstecktem zwischen dem Zürichsee, dem Vierwaldstättersee, der Spitze der Rigi und dem hintersten Winkel des Muotatals. Sie begegnet Menschen, die im lokalen Brauchtum verwurzelt sind, innovative Ideen leben oder die Schätze der Natur hegen. So viel Begeisterung für die Schwyzer Vielfalt und landschaftliche Schönheit kann man nicht für sich behalten, man muss sie teilen.

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