
Auf der Führung durch Schloss Altishofen und die angrenzende Pfarrkirche St. Martin schwebe ich als Schlossprinzessin durch die Räume des ehemaligen Schweizerkönigs Ludwig Pfyffer und freue mich über jeden Funfact, den die beiden charmanten Guides Evelyne und Roberto mir entgegenwerfen.

Wie es sich für eine feine Hofdame gehört, wartet der weisse Schimmel bei meiner Ankunft in Malters bereits geputzt und gestriegelt auf mich. Die heutige Ausfahrt führt mich in die Region Willisau, durch die Dörfer des Luzerner Hinterlands und unter einem bewölkten Winterhimmel nach Schloss Altishofen, wo mich der Schweizerkönig Ludwig Pfyffer in Empfang nehmen wird.
Etwa so hätte die Geschichte vor 500 Jahren ihren Anfang genommen. Ersetzen wir die feine Hofdame durch ein 1,55m kleines Gnömchen mit roter Kappe und Oversize-Mantel (mich) und den weissen Schimmel durch Annas weissem Citroën, dann kommen wir dem heutigen Blogbeitrag schon näher. Nur der bewölkte Winterhimmel ist vermutlich derselbe.

Wenn die Zeit abgelaufen war
Die Geschichte von Schloss Altishofen lässt sich nicht ohne Ludwig Pfyffer erzählen. Genauso wenig lässt sie sich ohne die beiden dynamischen Gruppenführer Evelyne und Roberto erzählen. Die beiden Guides verbindet nicht nur ihr Herkunftsort Willisau und die Leidenschaft für Geschichte und Kultur sondern auch das breite Grinsen, mit dem sie uns auf dem Schlosshof in Empfang nehmen.

Bei der heutigen, rund zweistündigen Führung durch Kirche und Schloss Altishofen gibt es viel zu erzählen und zu hören, darum lässt Evelyne nichts anbrennen und führt uns sogleich zum Start der Tour – zum Pestkreuz. In der Hoffnung, die Pest vom putzigen Dorf Altishofen fernzuhalten, stiftete die Familie Pfyffer der Ortschaft das frühbarocke Kruzifix aus Sandstein. Geklappt hat das vermutlich so semi.



Nach einer 180-Grad-Drehung lenkt Evelyne unseren Blick zur Sonnenuhr, die an grau verhangenen Wintertagen wie heute wenig bis keinen Sinn ergibt (but who am I to judge.). «Die Sonnenuhr zeigte die Zeit nie genau an. In Altishofen war man so meistens eine halbe Stunde zu früh oder zu spät dran», erläutert Evelyne und ich finde grossen Gefallen an diesem Gedanken. Egal, ob nun 12:00 Uhr oder 12:30 Uhr war – Hauptsache, es war Zeit für den mittäglichen Gerstenbrei mit Roggenbrot.



Funfacts fürs Langzeitgedächtnis
Wir überqueren den Friedhof und folgen Evelyne in Richtung Pfarrkirche St. Martin, wo unter dem Dach des nahezu quadratischen Kirchenturms wohl mein Highlight der Führung wartet: Drei Steinskulpturen, die einerseits viel Vorstellungsvermögen von einem abverlangen und andererseits etwas deplatziert wirken am sonst so puristisch gehaltenen Kirchenturm.

Da wären einerseits ein Widder (ok, der ist noch erkennbar), ein Löwe (eher ein verkohltes Gecko-Individuum aus Play-Doh, wenn du mich fragst) und der bekannteste Altishofer, der «Chele-Zänni» – äusserst prominent und ganz bewusst in Richtung Dorf gerichtet. Wer zur Kirche hinaufspähte, erblickte also zuerst ihn, wie er all jene Altishofer:innen «uuszännte», die den Gottesdienst nicht besuchten. Ich bin theoretisch auch im Wiggertal aufgewachsen, aber dass «uuszänne» «verspotten» bedeutet, war auch mir neu.


Genau wegen solcher Funfacts liebe ich es, an Führungen teilzunehmen. Historische Geschehnisse mit ihren unzähligen Schiess-mich-tot-Jahreszahlen und gleichnamige Akteur:innen haben nicht gerade den Ruf, a) interessant zu sein und b) im Gedächtnis haften zu bleiben. Wenn historische Fakten aber mit Leichtigkeit und Witz verpackt und ohne absurde Zahlenschlacht aufbereitet werden (so wie es Evelyne und später auch Roberto machen), dann erzähle ich dir auch in fünf Jahren noch die Hintergründe des «Chele-Zänni».
Aber nun weiter in der Führung. Ihr wisst ja immer noch nicht, wer Ludwig Pfyffer war…

Von Nazarener-Blau bis Fleischkäse-Rosa
Im Inneren der barocken Pfarrkirche lernen wir über die Anfänge Altishofens und seine kirchliche Tradition sowie über die Alemannen und ihren Totenkult. Während wir den Kopf in den Nacken legen, erzählt uns Evelyne von den Nazarenern, einer Gruppe Maler mit langen Haaren, weissen Gewändern und Sandalen. (Na, schon ein Bild vor dem inneren Auge?) Entgegen ihrem christusähnlichen Aussehen – das war wohl wirklich kein Zufall, sie waren, glaube ich, ziemliche Jesus-Fanboys – segneten sie aber keine Leute, sondern die Decken von Kirchen mit ihren kräftigen Farben und Bildern.


Beim Anblick der Marmorelemente hat Evelyne schon den nächsten Funfact parat: «Altäre und Kanzel sind nicht aus echtem Marmor, sondern aus grau-rötlichem Stuckmarmor hergestellt» und ergänzt «Stuckmarmor ist sogar teurer als echter Marmor, da seine Herstellung unglaubliches handwerkliches Geschick abverlangt.» Andächtiges Nicken und erstaunte «Ahs» und «Ohs» aus der Gruppe. Auch ich nicke und denke mir, dass mich die rosa Säulen mit ihrer feinen Marmorierung dann doch eher an Fleischkäse erinnern. Vielleicht habe ich einfach auch zu wenig gefrühstückt.




Bei den Grabplatten von Ludwig Pfyffer und seiner Ehefrau Marianne könnte es thematisch gar nicht besser aufgehen. Evelyne übergibt Zepter und imaginären Sprechball an Roberto, der uns nun im zweiten Teil der Führung das Schloss und vor allem die vielgenannte Persona Ludwig Pfyffer vorstellt.

Bühne frei für den «Schweizerkönig»
Ludwig war zu seiner Zeit einer der reichsten Menschen in der Schweiz, was ihm den Namen «Schweizerkönig» einheimste. Vor dem Eingang zum Schloss gibt uns Roberto einen Deep Dive in das aufstrebende Leben des Schweizerkönigs. Damit das hier nicht zu Little Ludwigs Autobiografie wird, fasse ich euch das Ganze kurz stichwortartig zusammen:
- In eine Luzerner Adelsfamilie geboren.
- Von Jesuiten ausgebildet und sehr gläubig.
- Very smart cookie. Er sprach fünf Sprachen.
- War ein gewiefter Soldat und trat schon früh in französische Kriegsdienste, wo er sich grosse Ehre beim französischen König erwarb (er schickte dafür zwar arme Bauernsöhne aus dem Luzerner Hinterland in den Krieg, aber hey – er verdiente damit selbst mega viel Cash und durfte die französische Lilie in seinem Familienwappen führen)
- Wird immer mächtiger und reicher. 1571 kaufte er die Herrschaft Altishofen und liess sich sogleich ein Schloss im spätgotischen Stil als Landadelssitz errichten. Fortan nannte er sich «Ludwig Pfyffer von Altishofen».
- Sein Wunsch: Wenn schon sterben, dann im Krieg durch die Feinde seines Glaubens. Leider erwischte ihn die Lungenentzündung zuerst.




Wir treten ins Innere des Schlosses ein und ich merke, wie die in mir versteckte Schlossprinzessin in den Fingerkuppen kitzelt (oder ist es doch eher das Schlossgespenst?). Die im Kellergewölbe montierten Eisenhaken deuten darauf hin, dass hier früher das geschossene Wild aufgehängt wurde. Heute finden in diesem Raum Ziviltrauungen statt. So oder so kann mensch also sagen, dass in diesem Raum die Jagd für alle Beteiligten endete.

Über die Sandsteintreppe gelangen wir in die obere Etage. Auch hier schüttelt Roberto einen spannenden Fakt nach dem anderen aus dem Ärmel. Zum Beispiel, dass sich die meisten mittelalterlichen Schlosstreppen im Uhrzeigersinn nach oben winden. Das verschaffte den rechtshändigen Verteidigern im Kampf einen Vorteil gegenüber angreifenden Eindringlingen. Not a good day, um ein Linkshänder zu sein (es sei denn, man gehörte zu den Angreifern, notabene.)


Prinzessin für zwei Stunden
Im ersten Stock betreten wir zuerst die gemütliche Prunkstube, wobei ich meinen Blick fast nicht von diesem riesigen grünen Kachelofen abwenden kann – der btw. auch noch der älteste Ofen des Kantons Luzern ist. Die dahinterliegende Ofenbank diente der Familie Pfyffer (ich nehme zwar nicht an, dass alle 18 Kinder dort Platz fanden) zum Aufwärmen, wenn es draussen kalt und regnerisch ins Haus reindrückte. Roberto macht uns zudem auf die Schränke und Buffets aufmerksam, die mit kunstvollen Einlegearbeiten aus verschiedenfarbigen Hölzern sowie kostbaren Materialien wie Schildplatt und Perlmutt verziert sind.





Ein Stockwerk weiter oben sehe ich mich in einem seidenen, mit Perlen bestickten Ballkleid durch den grosszügigen Rittersaal gleiten. Ich drehe Pirouetten unter der schönen Kassettendecke, lehne mich aus dem Fenster und geniesse die Aussicht, ohne dabei mein Diadem im Rosengarten zu verlieren. Echt hübsch dieses Schloss. Kein Wunder gehört es zu einem der beliebtesten Hochzeits- und Eventlocations in der Region Willisau.



Gerne wieder
Zum Abschluss der Tour führt uns Roberto noch in das Schlafgemach des Schweizerkönigs. Da der Raum unter anderem für das Eventcatering des Schlosses genutzt wird, stehen wir hier heute eher zwischen mit weissen Leintüchern bespannten Tischen als neben prunkvollen Truhen oder Betten. Einzig die grossen Wandbilder zeugen vom Vermögen des ehemaligen Besitzers Pfyffer. Und wer sein Ohr ganz nah an eines der Wandbilder hält, kann noch heute den Schweizerkönig genüsslich schnarchen hören.




Wir verabschieden uns von Evelyne und Roberto, die uns mit ihrer Leidenschaft für Geschichte anzustecken vermochten und uns eine grandiose Tour mit Charme, Wissen und Anekdoten geboten haben – ganz auf unsere Gruppenbedürfnisse abgestimmt. Das macht diese Führungen nämlich auch aus: Je nach Zielgruppe und Guide werden bei den Schloss- und Kirchenführungen andere spannende Details behandelt.
Ich lasse meine innere Schlossprinzessin noch etwas im Ballsaal herumschwofen und schwinge mich anschliessend wieder in Annas holde Kutsche – zurück nach Luzern, zurück in die Gegenwart.




Weitere Informationen & Links:
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