
Pilatus, Rigi, Titlis & Co.: Die «Big 6» der Zentralschweiz zählen zu den bekanntesten Bergen der Schweiz. Doch was macht sie wirklich besonders? Eine Reise von Gipfel zu Gipfel – mit überraschenden Einblicken hinter die Kulissen.

In den vergangenen Jahren war ich viel unterwegs: beim Kleinstadt‑Hopping durch charmante Orte und beim Seen‑Hopping entlang der schönsten Gewässer der Zentralschweiz. Diesmal geht es ein Stück weiter nach oben – und zwar auf die Berge. Genauer gesagt auf die sogenannten Big 6: Pilatus, Stoos, Rigi, Stanserhorn, Titlis und Brienzer Rothorn.
Heute besuche ich sechs Berge, die geografisch nah beieinanderliegen und sich trotzdem komplett unterschiedlich anfühlen.
Pilatus – Handarbeit bei 48 Prozent Steigung
Wir starten unsere Reise dort, wo man von Luzern aus wahrscheinlich als erstes hinschaut: am Pilatus. Er ist nicht nur der Hausberg der Stadt, sondern auch Heimat eines Weltrekords.


Mike Sidofsky
Denn hier fährt die steilste Zahnradbahn der Welt. Mit einer maximalen Steigung von 48 Prozent übertrifft sie alle anderen Zahnradbahnen.
«In der Schweiz ist 25 Prozent für die anderen Zahnradbahnen das höchste. Und wir fahren 48 Prozent Steigung», erklärt mir Werner Kramer. Er arbeitet in der Werkstatt der Pilatus‑Bahnen und sorgt dafür, dass die Fahrzeuge zuverlässig unterwegs sind.




Möglich wird das durch ein weltweit einzigartiges System: Die Zahnräder greifen seitlich in die Schiene statt von oben. Und eigentlich wäre sogar noch mehr möglich: «Theoretisch könnte man fast senkrecht hochfahren mit unserem System.»
Doch hinter dem Rekord steckt vor allem eines: Handarbeit. Material wird getragen, Gleise gebaut und jede einzelne Schraube wird jährlich kontrolliert.




Besonders im Frühling zeigt sich, was das bedeutet. Dann liegen bis zu fünf Meter hohe Schneefelder auf der Strecke. Zwischen Zahnstange und Schiene muss alles freigeschaufelt werden. Ebenfalls von Hand.
Stoos – Schwerelos steil
Vom Pilatus geht es direkt weiter zum nächsten Rekord: zur steilsten Standseilbahn der Welt am Stoos.


Schon die Zahlen klingen fast unwirklich: 110 Prozent Steigung. Das bedeutet, dass die Bahn auf 100 Metern Strecke 110 Höhenmeter überwindet. Das entspricht einem Winkel von 47,5 Grad. Also extrem steil, aber nicht senkrecht. Oder anders gesagt: 90 Grad Winkel sind nicht gleich 90 Prozent Steigung – wieder was gelernt.


Oben angekommen erwartet einen ein komplett autofreies Dorf. «Man sieht überall kleine Alpen und viel Vieh. Es ist sehr idyllisch», erzählt Rahel Stocker von den Stoosbahnen.
Rund 150 Menschen leben hier – mit Schule, Kirche und Dorfladen. Die Standseilbahn ist dabei weit mehr als eine Attraktion: Sie ist die zentrale Verbindung ins Tal und Teil des öffentlichen Verkehrs. Sämtliche Güter – von Lebensmitteln bis zu Baumaterial – werden über die Bahn transportiert.

Ein besonderer Reiz des Stoos ist seine Lage über dem Nebel. Gerade im Herbst bildet sich im Tal oft eine dichte Nebeldecke, während oben die Sonne scheint. «Wir sagen immer, das ist der schönste Arbeitsplatz der Welt. Diese paar hundert Höhenmeter machen beim Wetter einen grossen Unterschied.»
Rigi – Wo alles begann
Die Rigi gilt als Geburtsort des alpinen Tourismus. Denn hier entstand eines der ersten Berggasthäuser der Alpen.


«Hier haben die Menschen zum ersten Mal auf dem Berg übernachtet, um Sonnenauf- und ‑untergang sowie das Panorama erleben zu können», erklärt Ivan Steiner von den Rigi Bahnen.
Damals gab es allerdings noch keine Bergbahnen. Die Gäste wurden von sogenannten Rigiträgern nach oben gebracht – zu Fuss, auf Sänften oder mit Maultieren.

Das änderte sich erst 1871. Damals entwickelte Niklaus Riggenbach ein Zahnradsystem, das erstmals komfortable Fahrten über grosse Steigungen ermöglichte. Dieses Prinzip – mit Zahnstange und eingreifendem Zahnrad – wird bis heute weltweit eingesetzt. Ausser eben am Pilatus.
Für besondere Geschichten sorgte die Rigi aber nicht nur wegen ihrer Technik, sondern auch wegen ihrer Lage. Denn sie liegt genau auf der Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Schwyz – was früher zu einigen kuriosen Situationen führte:




«Die Gesetze in den beiden Kantonen waren unterschiedlich», erklärt Ivan. «Wenn im Luzerner Teil nicht mehr getanzt oder Alkohol ausgeschenkt werden durfte, wechselten die Gäste einfach auf die Schwyzer Seite. Und dort ging die Party weiter.»
Stanserhorn – Eine Idee mit Aussicht
Auch das Stanserhorn hat einen Rekord – und zwar die CabriO‑Bahn. Sie besteht aus zwei Ebenen: einer geschlossenen Kabine und einem offenen Oberdeck. Die Idee dazu hatte Jürg Balsiger, der damaligen Geschäftsführer der Stanserhorn-Bahn:


«Ich sage es mal so salopp: Es war eine Schnapsidee eigentlich oder eine Bieridee», erklärt Stanserhorn-Ranger Peter. «Jürg Balsiger meinte beim zweiten, vielleicht auch beim dritten Bier: ‹Ich sollte doch eigentlich mit meinem Cabrio auf meinen Berg fahren können.›»
Aus einer Skizze auf einer Serviette entstand die erste Idee. Und schliesslich, nach einigen Jahren und viel Ingenieurskunst, die heutige CabriO‑Bahn. Bis heute ist sie weltweit die erste und einzige Bahn dieser Art.

Neben der Bahn gibt es auf dem Stanserhorn noch eine weitere Besonderheit: die Ranger. Sie sind auf dem Berg unterwegs, geben Auskunft, begleiten Gäste und vermitteln Wissen über Landschaft, Tiere und Geschichte.
Die Idee dafür stammt ursprünglich aus den Nationalparks in den USA. Die Ranger arbeiten freiwillig und bringen ganz unterschiedliche Hintergründe mit – von Lehrpersonen über Geologen bis hin zu ehemaligen Managern.




«Ich darf jetzt schon die achte Saison hier oben mitwirken. Und für mich ist wirklich jeder Einsatz einmalig», erzählt Tagesranger Markus und ergänzt mit einem Lächeln: «Ich freue mich einfach jeden Tag, dass ich hier oben sein darf.»
Titlis – Alltag im ewigen Eis
Mit dem Titlis erreicht das Berg‑Hopping seinen höchsten Punkt. Auf über 3000 Metern verändert sich nicht nur die Landschaft, sondern auch der Alltag. Denn die Luft hier oben ist dünner, wie Stefan Hallenbarter weiss. Er arbeitet seit 15 Jahren auf dem Titlis. «Am Anfang braucht es etwas Zeit, bis man sich daran gewöhnt. Etwa zwei Wochen, aber dann ist es eigentlich sehr angenehm hier oben.»

Während sich der Körper langsam an die Höhe gewöhnt, richtet sich der Blick automatisch auf das, was den Titlis so besonders macht: den Gletscher. Der Titlisgletscher ist rund zwei Quadratkilometer gross und wird intensiv überwacht.
Um das Abschmelzen zu verlangsamen, wird er im Sommer teilweise mit Vliesmatten abgedeckt. Denn der Gletscher ist ständig in Bewegung: Jahr für Jahr verschiebt er sich langsam talwärts. Was harmlos klingt, stellt den Betrieb vor grosse Herausforderungen. Skiliftmasten stehen hier nicht im Fels, sondern im Eis.




«Manchmal müssen wir die Masten sogar zwei- oder dreimal im Winter versetzen», erzählt Stefan. Auch unter der Oberfläche geht es ständig weiter: Gletscherspalten öffnen und schliessen sich, verändern ihre Form und Tiefe.
Damit die Pisten im Winter sicher bleiben, werden sie regelmässig mit Schnee und Eis aufgefüllt. «Wenn wir sie im Herbst zumachen, sind sie im nächsten Frühling oft wieder offen.»


Und trotz all dieser Herausforderungen bleibt die Faszination für den Berg: «Ich bekomme nie genug. Ich könnte das jeden Tag tun.»
Brienzer Rothorn – Den Steinböcken hautnah
Zum Abschluss geht es zurück in den Kanton Luzern – auf das Brienzer Rothorn.

Mit 2350 Metern ist es der höchste Gipfel des Kantons und liegt im Dreieck der Kantone Luzern, Bern und Obwalden. Bei klarer Sicht reicht der Blick weit über die Region hinaus: Bis zu 693 Gipfel sind von hier aus zu sehen.
Die Landschaft ist kontrastreich: Schroffe Felswände treffen auf alpine Weiden und seltene Pflanzenarten. Diese Mischung verleiht dem Berg eine besondere, fast majestätische Ausstrahlung.




Doch besonders eindrücklich ist die Tierwelt. Das Gebiet ist Lebensraum für eine der grössten Steinbockkolonien der Region – rund 230 Tiere leben hier.
Eine Begegnung ist Cathrine Lötscher besonders in Erinnerung geblieben. Sie lebt in Sörenberg und arbeitet bei den Bergbahnen. Auf dem Steinbock-Trek, von der Rossweid über das Lattgässli Richtung Gipfel, kommt es zu einer unerwarteten Begegnung:


«Oben angekommen bin ich um die Kurve gebogen und plötzlich stand eine Kolonie von etwa 30 Steinböcken vor mir. Nur fünf Meter entfernt. Ich muss ehrlich gestehen: Ich hatte ziemlich Respekt vor diesen Tieren. Wenn sie einem so nahe sind, wirken sie sehr, sehr mächtig.»
Doch die Tiere bleiben ruhig: «Es war einfach irrsinnig eindrücklich, die Tiere so nahe beobachten zu können.»
Von Gipfel zu Gipfel – ein Fazit
Und so endet meine Reise durch die Berge der Zentralschweiz: Sechs Gipfel, die auf der Karte nah beieinanderliegen und sich doch wie sechs ganz eigene Welten anfühlen.

Wer noch mehr von den Geschichten hören möchte, findet die ganze Reise im Podcast «Bergrufe und Stadtgeflüster». Dort geht die Reise weiter – von verschwundenem Werkzeug am Pilatus über Hochzeitsanträge auf dem Brienzer Rothorn bis hin zu Murmeltier‑Nachwuchs auf dem Stanserhorn.
Nützliche Informationen & Links
- Podcast «Bergrufe und Stadtgeflüster»
- Berg-Hopping durch die Zentralschweiz
- Lucerne Travel Pass – Das ideale Ticket für Berg-Hopping

